Warum ist Zugfahren so teuer und Fliegen so billig?

Zitat aus Standard online:

“ Wo ein Wille, dort kein Weg: Warum mit dem Zug zu reisen oft teurer und mühseliger ist als zu fliegen

Philip Pramer – 17. Oktober 2019, 06:58

Eine Reise innerhalb Europas zu buchen ist heute eine Sache von Minuten. Eine der zahlreichen Flugsuchmaschinen spuckt innerhalb von Sekunden passende Angebote aus, in der Regel kann man aus dutzenden Verbindungen wählen. Wer nach Berlin, Amsterdam, London, Paris oder Barcelona will, zahlt selten mehr als 50 Euro, teilweise gibt es sogar Angebote für 30 Euro und weniger.

Doch das Flugzeug ist die mit Abstand klimaschädlichste Art zu reisen. Wissenschafter gehen davon aus, dass es besonders gravierende Folgen für die Atmosphäre hat, wenn CO2 und andere Treibhausgase in so großer Höhe ausgestoßen werden. Und 426 Gramm CO2 verursacht eine Flugreise pro Kilometer im Durchschnitt; das ist mehr als doppelt so viel wie ein Benzin- oder Dieselauto und 29-mal so viel wie die Bahn in Österreich.

Unfreundliche Buchung

2,2 Tonnen CO2 „darf“ jeder Erdbürger pro Jahr verursachen, um das Klima im Gleichgewicht zu halten. Ein einziger Transatlantikflug überschreitet dieses Budget bereits um die Hälfte, auch einige wenige Städtetrips mit dem Flugzeug drücken das CO2-Budget ganz schnell in den roten Bereich. Ob man das ganze Jahr auf Fleisch verzichtet, Ökostrom bezieht und kein Auto besitzt – das alles fällt da kaum mehr ins Gewicht.

Die logische und klimafreundliche Alternative zum Flugzeug ist die Bahn – zumindest innerhalb Europas. Sie zu nutzen ist aber gar nicht so einfach. Zwar gibt es Gleise von Helsinki bis Athen und von Lissabon bis Moskau. Doch sobald man über Landesgrenzen hinweg mit dem Zug reisen will, wird das Buchen sehr kompliziert. Sofern es überhaupt noch möglich ist. Ein Bahnreise-Pendant zu den Flugsuchmaschinen gibt es nicht.

Wer etwa per Bahn nach Osteuropa will, muss sich durch fremdsprachige und veraltete Websites kämpfen und darf langwierigen Ferngesprächen mit Bahnbediensteten nicht abgeneigt sein. Dazu kommt der Preis: Am Boden zu bleiben heißt in vielen Fällen einfach, mehr zu bezahlen. Die günstigste Nachtzugverbindung von Wien nach Berlin kostete in den letzten Wochen durchschnittlich 48 Euro im Sitzwagen und 80 Euro im Liegewagen, während ein Billigflug schon um durchschnittlich 38 Euro zu haben war. Ist Zugfahren zu teuer? Oder Fliegen einfach zu billig?

Wettbewerb mit Bias

Internationale Zugreisen sind ein komplexes Unterfangen, heißt es vonseiten der ÖBB gegenüber dem STANDARD. Lokführer müssen für jedes Land eine eigene Erlaubnis besitzen und die Landessprache beherrschen. Sie müssen also entweder an der Grenze ausgewechselt oder aufwendig geschult werden – beides ist teuer und hebt die Ticketpreise. Dazu kommen unzählige nationale Vorschriften, die bei einer Reise durch mehrere Länder erfüllt werden müssen und die Reise verteuern.

14.000 Regularien will der Chef der EU-Eisenbahnagentur vor einigen Jahren in allen Mitgliedsstaaten gezählt haben, heute sind es etwa 1000. Noch immer zu viele, um mit dem Flugzeug preislich mithalten zu können. Die Flugindustrie ist hingegen extrem Standardisiert: Weltweit gibt es mit Boeing und Airbus nur zwei Hersteller von Großraumflugzeugen, die jeweils eine Handvoll Typen produzieren – das führt zu positiven Skaleneffekten bei Produktion, Betrieb und Wartung. Heißt: Die Produktions- und Selbstkosten sinken durch steigende Produktionsmengen.

Milliarden für Flugindustrie

Dazu kommt, dass Flugreisen großzügig subventioniert sind. Flugzeuge dürfen fast überall steuerfrei tanken, während Autofahrer für den Sprit Mineralölsteuer zahlen. Auch Bahnunternehmen leisten für den verbrauchten Strom Energieabgaben. Doch auf internationale Flüge wird keine Mehrwertsteuer erhoben.

Würden die EU-Länder Kerosin ähnlich hoch besteuern wie Autosprit, könnten sie 27 Milliarden Euro pro Jahr einnehmen, eine Mehrwertsteuer auf Flugtickets würde 30 Milliarden bringen. Gleichzeitig würden die CO2-Emissionen um elf Prozent sinken, ohne der Wirtschaft merklich zu schaden. Das errechnete eine von der EU-Kommission beauftragte Studie, die 2018 geleakt wurde.

Nachtzug nach Brüssel

Dass Fliegen so einfach und billig und Zugfahren so umständlich und teuer ist, stößt bei vielen auf Unverständnis – auch bei Joachim Holstein. 21 Jahre hat der Deutsche als Nachtzugbegleiter gearbeitet – bis die Deutsche Bahn vor drei Jahren alle Nachtzugverbindungen einstellte. Die ÖBB übernahm Liegewagons und einige Verbindungen, Holstein und hunderte Kollegen blieben auf der Strecke. Seinem ehemaligen Arbeitgeber wirft er Missmanagement vor, denn die ÖBB betreibt die Strecken erfolgreich und will ihr Nachtzuggeschäft sogar ausbauen – etwa nach Brüssel oder Amsterdam.

Heute kämpft Holstein an vorderster Front für mehr Bahn- und weniger Flugverkehr in Europa. Die deutsche Gruppe Back on Track ist Teil einer kleinen, aber gut vernetzten internationalen Bewegung, die den Reiseverkehr wieder auf Schiene bringen will. „Viele Menschen fliegen ja nicht, weil sie es so toll finden“, sagt Holstein, „sondern weil es keine andere Möglichkeit gibt.“ Um echte Wahlfreiheit zwischen den Transportmitteln zu ermöglichen, solle die EU die Bahn gegenüber dem Flugzeug nicht mehr diskriminieren, sondern einheitliche Rahmenbedingungen schaffen, damit Züge besser grenzüberschreitend verkehren können. Und sie solle dafür sorgen, dass Züge preiswerter und einfacher zu buchen sind, etwa durch eine zentrale Buchungsplattform.

Für Flugzeugbenzin fällt in den meisten Ländern keine Steuer an. Foto: Reuters/Vivek Prakash

Flugticketabgabe mehrmals gesenkt

So eine Plattform für Bahnreisen wäre „ein schönes Ziel für die nächste EU-Kommission“, findet auch Christian Gratzer vom Verkehrsclub Österreich (VCÖ). Gleichzeitig müsse Österreich mehr in Infrastruktur investieren, schon jetzt gebe es Engpässe auf der Schiene. Das führe etwa zu Verspätungen bei Fernzügen, weil Pendlerzüge Vorrang haben. Der VCÖ kritisiert außerdem, dass die Flugticketabgabe in den vergangenen Jahren zweimal gesenkt wurde. Sie beträgt für Kurzstreckenflüge nur mehr 3,50 statt den sieben Euro bei ihrer Einführung im Jahr 2011, bei Langstreckenflügen nur mehr 17,50 statt 35 Euro.

Auf europäischer Ebene soll sich Österreich für eine Kerosinsteuer einsetzen. Allein im ersten Halbjahr 2019 wurde in Österreich 455.000 Tonnen Kerosin getankt, das der Staat mit 300 Millionen Euro hätte versteuern können.

Eine europaweite Kerosinsteuer will auch die Europäische Bürgerinitiative Fairosene erreichen und schlägt 33 bis 45 Cent pro Liter vor – je kürzer die Strecke, desto höher. Nur Flüge zu Inseln, die nicht per Brücke oder Tunnel mit dem Festland verbunden sind, sollen ausgenommen sein. Bis Mai 2020 muss die Initiative eine Million Unterschriften sammeln, um vom EU-Parlament und der Kommission angehört zu werden.

Die internationale Klimabewegung um Greta Thunberg hat die Diskussion über Flugreisen neu entflammt. Flygskam nennt man es in Schweden, wenn man sich fürs Fliegen schämt. Im August gab es dort um zehn Prozent weniger Inlandsflüge als im Jahr davor. Die meisten Rückgänge gab es auf den Strecken, wo erst kürzlich Zugverbindungen ausgebaut wurden. Die tiefste Flugscham hilft eben nicht, wenn es keine ernsthaften Alternativen zum Fliegen gibt. Erst wenn die Bahn günstig, schnell und bequem ist, steigt man gern in den Zug. Dafür haben die Schweden übrigens auch ein Wort: Tågskryt – Zugstolz. (Philip Pramer, 17.10.2019)“

I.Novak: Dem kann und will ich nichts hinzufügen

 

Werbeanzeigen
Veröffentlicht unter unzugeordnet | Kommentar hinterlassen

SPÖ – wohin? Zwischen Bobos und Hacklern

Standard Diskurs v. 12.10.2019

>Wie will man die Hackler von der FPÖ (und seit dem 29. 9. auch von der Kurz-Partei) zurückbekommen? Vermutlich ist die Frage so falsch gestellt. Der steirische SPÖ-Politiker Max Lercher, vorher kurz Parteimanager, ist im Österreich-Teil der „Zeit“ interviewt worden und hat ein paar interessante Antworten gegeben. Zur „neuen Arbeiterklasse“ zähle nach seiner Aussage „jeder Erwerbstätige“, vor allem jene, „die aufgrund des Systems nicht gerecht am Wohlstand partizipieren. Dazu gehören auch Klein- und Mittelbetriebe“.<

(Irmi Novak:) Meiner Meinung nach fehlen in dieser Betrachtung die Nebenerwerbsbauern, von denen es in Österreich gar nicht so wenige gibt. Sie arbeiten an zwei „Arbeitsplätzen“: in einem Unternehmen und (meist selbstausbeuterisch) in ihrem eigenen Hof, der aber mit einem herkömmlichen Unternehmen nicht vergleichbar ist. Kreisky hat seinerzeit auch sie auf dem SPÖ Weg mitgehen lassen. Die damals eingeführten Regionalförderungen haben viele Familien rot wählen lassen.

Tatsächlich gibt es rund 350.000 Einpersonenunternehmen (EPUs) in Österreich, und die wurden bisher von der SPÖ völlig vernachlässigt, wenn nicht feindselig betrachtet. Tatsächlich werden die klassischen Industriearbeitsplätze weniger, sind die klassischen Hackler am Bau usw. oft Migranten, die nicht wählen dürfen.

Wenn sich die SPÖ, so wie Lercher es empfiehlt, auf alle konzentriert, die am Wohlstandszuwachs der letzten Jahrzehnte nicht oder zu wenig teilnehmen konnten, hat sie ein Thema.<

Veröffentlicht unter unzugeordnet | Kommentar hinterlassen

Peter Pilz über Koalitionsverhandlungen 2003

(Quelle „Zak-Zack via Twitter)

 

Grünen Chef Werner Kogler verhandelte gestern erstmals mit Sebastian Kurz. Schon 2003 gab Koalitionsgespräche zwischen ÖVP und Grünen. ZackZack-Herausgeber Peter Pilz war damals dabei. Wir haben ihn gefragt, ob es Erfahrungswerte für die Gegenwart gibt.

Wien, 10. Oktober 2019

ZackZack: 2003 gab es die ersten Koalitionsverhandlungen zwischen Grünen und ÖVP. Wie ist es dazu gekommen?

Peter Pilz: Wolfgang Schüssel hatte die Wahl mit 42,3 Prozent haushoch gewonnen. Wir Grüne kamen auf 9,5 Prozent. Mit 96 Mandaten hatten wir gemeinsam eine komfortable Mehrheit. Schüssel lud uns zu Sondierungen. Da war ich noch nicht dabei.

Anfang Jänner 2003 berichtete unser Team dem Erweiterten Bundesvorstand (EBV). Alexander Van der Bellen war damals Partei- und Kubchef. Auf der gemeinsamen Taxifahrt zum EBV wussten wir, dass das Team vorschlagen wollte, in keine Verhandlungen mit der ÖVP einzutreten. Wir hielten das beide für falsch.

ZZ: Wer wollte dann eigentlich Verhandlungen mit der ÖVP?

PP: Am Anfang bekamen wir nur von Madeleine Petrovic und Johannes Voggenhuber Unterstützung.

ZZ: Und Kogler?

PP: An Werner kann ich mich da nicht erinnern. Er hat sich wahrscheinlich wie Glawischnig rausgehalten.

ZZ: Wie habt ihr dann den EBV überzeugt?

PP: Entscheidend waren „linke“ Länder wie Oberösterreich. Gottfried Hirz fragte mich: „Pedro, können wir Dir vertrauen, dass es keine Zustimmung zu Eurofighter gibt?“ Das hab ich ihm versprochen. Die Länder haben Van der Bellen und mir vertraut.

ZZ: Wie ist dann verhandelt worden?

PP: Van der Bellen und Schüssel waren die Chefs, Glawischnig und ich die Leiter der beiden grünen Teams. Wir merkten bald, dass Strasser, Rauch-Kallat und Molterer für schwarz-grün und Bartenstein, Gehrer und Grasser dagegen verhandelten. Khol war eher skeptisch, aber grundsätzlich offen. Mit Strasser hatte ich erstaunlich schnell ein gutes Integrationspaket ausverhandelt.

ZZ: Was wollte Schüssel?

PP: Das wussten wir lange nicht. Einmal sagte mir Khol plötzlich: „Du, die Chefs haben sich auf Eurofighter geeinigt.“ Ich habe ihm schnell klar gemacht, dass das nicht stimmen kann, weil es hier ein klares Nein gibt. Wir besprachen einen Kompromiss: Wenn ein Verfassungs-Gutachten feststellt, dass Österreich welche kaufen muss, dann schreiben wir neu aus und nehmen die billigsten. Khol war skeptisch, ob Schüssel darauf einsteigt. Schüssels Problem war: Die Typenentscheidung war längst gefallen, aber der Kaufvertrag noch mitten in Verhandlung. Österreich hätte jederzeit aussteigen können.

ZZ: Dann kam die berühmte Schlussrunde bei Schüssel…

PP: Ja, da waren Van der Bellen, Glawischnig, Eva Lichtenberger und ich. Auf der anderen Seite saßen Schüssel, Gehrer, Grasser und Bartenstein. Da war schon klar, wohin es ging.

ZZ: Woran ist es dann gescheitert?

PP: Eigentlich war nicht mehr viel offen. Pensionen, Gesundheit und natürlich Eurofighter. Aber Schüssel hat uns gleich überrascht und die Vereinbarungen mit Strasser zurückgenommen. Das müsse er sich alles noch überlegen. Dann sind wir bei Pensionen und Gesundheit nicht vom Fleck gekommen, weil sich Öllinger als Sozialsprecher geweigert hatte, mitzukommen. Ich hab mir dann immer wieder von Karl telefonisch Unterstützung geholt. Vielleicht hätten wir das nach einer Verhandlungspause noch geschafft.

Aber so um zwei Uhr früh hab ich Schüssel gesagt, dass wir beide ja wissen, dass alles an Eurofighter hängt. Mir war klar, dass uns Schüssel da hineinziehen wollte. Da ging es nicht um Luftraumüberwachung, sondern um eine strategische Schwächung des künftigen Partners: Wenn Grüne für ein korruptionsverdächtiges Geschäft stimmen, dann verlieren sie ihre Glaubwürdigkeit.

ZZ: Warum ist Schüssel nicht auf den Kompromiss eingestiegen?

PP: Schüssel war ganz offen: „Ohne Eurofighter geht es nicht.“ Er wollte uns brechen. Das war ganz klar. Das war das Ziel: geschäftsfähige Grüne, bei denen jede Überzeugung ein Preisschild hat.

Wir haben das dann zu viert besprochen und waren uns schnell einig. Wir sind wieder rein und haben Schüssel und sein Team informiert, dass er sich das noch einmal überlegen soll. Seine Antwort war „Nein“. Damit war es vorbei.

ZZ: Also ist Schwarz-Grün an euch gescheitert?

PP: Das kommt auf die Sichtweise an. Es ist an uns gescheitert, weil wir nicht bereit waren, einem korrupten Milliardengeschäft zuzustimmen. Es ist an der ÖVP gescheitert, weil sie jede Alternative zu Eurofighter abgelehnt hat. Heute glaube ich, dass Grasser auch hier der Steuermann war. Er war der einzige, auf den Schüssel wirklich gehört hat. Und Grasser war Eurofighter, wie wir heute wissen.

ZZ: Wart ihr enttäuscht oder zufrieden, dass die Verhandlungen gescheitert sind?

PP: Sascha und ich waren eher enttäuscht, er glaube ich mehr als ich. Die meisten waren zufrieden, die Wiener Grünen haben gejubelt. Aber diese Verhandlungen haben ein Tabu gebrochen. Mit ihnen war der Weg frei für neue Koalitionen. Bald darauf war es in Oberösterreich soweit und Rudi Anschober hat die erste schwarz-grüne Regierung begonnen.

ZZ: Was würdest du den Grünen raten?

PP: Gar nichts. Sie sind in derselben Situation wie wir damals. Wir wussten, dass nach uns die FPÖ zum Zug kommt. Trotzdem war es richtig, dass wir aufgestanden sind.

Diesmal haben es die Grünen hoffentlich leichter. Die FPÖ ist so kaputt, wie sie damals erst 2006 war. Kurz ist 2019 mehr auf Grün angewiesen als es Schüssel 2003 war. Ich halte die Chance für erfolgreiche Verhandlungen für deutlich größer als damals. Aber das Regieren mit Kurz ist dafür um vieles gefährlicher als das mit Schüssel.

(red)

 

 

Veröffentlicht unter unzugeordnet | Kommentar hinterlassen

Preisentwicklung bei Honig

Mal was ganz anderes, aber auch politisch gemeint:

Meiner gestrigen Recherche im Internet zufolge, kostet derzeit einer der  günstigsten Honige, ein

BIO-Blütenhonig, 750g, € 12,90  (Inkl. 10% MwSt., zzgl. Versandkosten), also netto.

Vor vier Jahren bei Eggenburg:

 1 kg Bioblütenhonig  = € 7,80 netto

Die selbe Steigerung an Einkommen für den/die Imker hätt ich gern auch bei meiner Pension gesehen:

65 % !!!

Politisch noch eine Ergänzung: Von sechs von mir telefonisch befragten Imkern hatte keiner mehr überhaupt Honig in ein Kilo-Gläsern. Fünf hatten nur noch 450 Gramm und darunter, ein einziger auch 500 Gramm.

Geld regiert die Welt – und Gier macht sie kaputt.

 Thats Capitalism, stupid!

Veröffentlicht unter unzugeordnet | Kommentar hinterlassen

Klimakatastrophe/Tweet

Hab mich heute auf Twitter mit diesem Thread-Tweet gemeldet. Aus Mangel an Rückmeldungen (bis jetzt), setz ich ihn hier auch ein:

@IrmiNovak

? Folgendes wird länger als sonst: #Prof_Harald_Lesch, Wissenschafter, wies kürzlich in einer Rede vor ca. 300 Zuhörern drauf hin: „Alle #Bäume im Harz sind bereits vom Borkenkäfer befallen, falls das noch nicht jedem klar ist – das ist eine ziemlich heftige Nummer.“

Im österreichischen TV gabs gestern eine erschütternde Doku: im #Waldviertel hat der Käfer wegen der lang anhaltenden Trockenheit auch „gesiegt“ – noch sind „nur“ Waldbesitzer betroffen. Folgen werden Tourismusbetriebe, nicht nur die, die in Lawinenstrichen stehen, uvm. Und die Verantwortlichen? Schlafen Sie? Oder kümmert Sie gerade der nächste Quartalsbericht, oder die nächste Wahl? Leute! Wie viele Tipps aus Expertenkreisen braucht Ihr noch, um die von Umweltignoranten wie Industrie & naturabgewandten Landwirtschafts-Konzernen mit verursachte Klimakatastrophe abzuwenden?

Seit mehr als 30 Jahren hättet Ihr auf Warnungen von Experten hören können. Die Folgen der mensch-gemachten Erderwärmung wären jedenfalls viel geringer geblieben, als sie heute durch Wegschauen und Borniertheit sind. Lächerliche Verbote von Plastiksackerln für den Einkauf und der Hinweis auf „ohnehin klimaschonenden Co2-Handel“ u.a. „klimagerechte“ Scheinaktionen nützen uns nicht. Und Ihnen auch nur bedingt und nur für kurze Zeit. Leider verschwenden Sie aber zu viel von (auch Ihrer Lebens-)Zeit, indem Sie weiter wegschauen.

Millionen Menschen, die vorige Woche weltweit auf die Straße gingen, #bitten_Sie, setzen Sie endlich Taten, die der Situation gerecht werden. Welche? Anregungen dafür sind seit mehr als 30 Jahren auf Ihrem Tisch.

 

Veröffentlicht unter Klimawandel, Politik | Kommentar hinterlassen

einmischen

wiltrud hackl

Ja, es braucht jetzt wahrscheinlich eher weniger Menschen, die sich im Nachhinein mit guten Ratschlägen anstellen und sie unaufgefordert verteilen. Was es aber noch weniger braucht, sind Menschen, deren Häme nicht zu überhören und nicht mehr zu ignorieren ist, die jetzt bereitwillig nachtreten, obgleich sie in „guten Zeiten“ keine Scheu hatten, sich als SPÖ-nah zu inszenieren, ihre Arbeiter*kindherkunft zu betonen oder die Internationale als Klingelton am Handy zu installieren. Weshalb ich es wage, mit ein paar Worten aus „umarmender Distanz“ auf die Äußerungen und Handlungen der letzten Stunden innerhalb der Sozialdemokratie zu reagieren.

Seit über dreißig Jahren begegne ich phantastischen Menschen, die der SPÖ nahestehen, Parteimitglied sind oder ihr in beruflichem Kontext verbunden sind – ob mit 18 als Redaktionsassistentin in der AZ (die ich heute noch fast täglich vermisse), später als Mitarbeiterin der VHS Stöbergasse oder die letzten fünf Jahre als Geschäftsführerin der oö. Gesellschaft für Kulturpolitik. Überall begegnete…

Ursprünglichen Post anzeigen 824 weitere Wörter

Veröffentlicht unter unzugeordnet | Kommentar hinterlassen

Klima-Wissenschaft wird nicht gehört

Süddeutsche Zeitung

»Die Wahrheit bekommt uns nicht gut«

Sie warnen seit Jahren vor der Katastrophe – und werden dafür angefeindet: Im Interview erzählen drei der weltweit führenden Klimaforscher über ihren täglichen Kampf gegen Hass, Ignoranz und die eigene Verzweiflung.

Alice Bows-Larkin wurde 1974 in Bury, England, geboren. Sie ist studierte Astrophysikerin. Seit 2003 arbeitet sie als Professorin am Tyndall-Center für Klimaforschung in Manchester. Ihr Fachbereich ist der Konflikt zwischen Luftverkehr und Klimapolitik in Großbritannien. Bows-Larkin forscht nach klimaschonenden Technologien für die Luft- und Schifffahrt sowie nach klimaschonenden Wirtschaftssystemen. Ihre Ergebnisse flossen direkt in die britische Klimagesetzgebung ein.

Hans Joachim Schellnhuber Der 65-Jährige ist Professor für Theoretische Physik und Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, das er 1992 gründete. Er ist zudem Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats, der die Bundesregierung in Klimafragen berät, sowie langjähriges Mitglied im Weltklimarat. Im November erschien sein Buch »Selbstverbrennung«, in dem er eindringlich vor den Folgen des Klimawandels warnt.

Jason E. Box wurde 1970 in Denver geboren. Er ist Professor für Glaziologie am Geological Survey of Denmark and Greenland in Kopenhagen und gilt als weltweit führender Experte für die Auswirkungen des Klimawandels auf das Eisschild von Grönland. Mehr als zwei Jahre hat er dort verbracht – eines davon in einem Forschungscamp auf dem Eis.

SZ-Magazin: Die Klimakonferenz in Paris endete mit einem historischen Abkommen zur Begrenzung der Klimaerwärmung auf 1,5 Grad. Die Menschheit scheint wieder Hoffnung zu schöpfen. Hat sie Grund dazu?
Hans Joachim Schellnhuber: Sollte der Vertrag von Paris seriös umgesetzt werden, könnte er den vollständigen Verzicht auf fossile Energie einleiten. Das ist ein Durchbruch, möglicherweise ein Wendepunkt in der Menschheitsgeschichte. Dennoch: Die alten Zusicherungen der meisten Länder, ihre Emissionen zu reduzieren, müssen wirklich schleunigst an die neuen vereinbarten Ziele angepasst werden. Wir stehen erst am Anfang.
Alice Bows-Larkin: Auch ich bin leise hoffnungsvoll, weil jetzt endlich die Diskussion beginnt, welche Schlüsselaspekte des Vertrags in den Fokus rücken müssen, wenn wir die hochgesteckten Ziele schaffen wollen.
Schellnhuber: Je eher wir handeln, desto kleiner werden die Kosten sein und die Risiken, die wir eingehen. Das Schicksal des Vertrags wird auch von den Präsidentschaftswahlen in den USA abhängen. Noch ist das Tor offen für die Stabilisierung des Weltklimas.

Ergebnisse von Klimaforschern haben dazu beigetragen, dass der Vertrag von Paris zustande kam. Dennoch hält sich die Dankbarkeit in Grenzen. Im Gegenteil, Klimaforscher gelten vielen nach wie vor als Hysteriker, die ständig den Weltuntergang herbeireden.
Schellnhuber: Ich bin nicht Physiker geworden, weil ich das Klima retten wollte. Pech für mich, dass unser Fach plötzlich relevant für den Fortbestand der Zivilisation wurde. Irgendwann stellt man betroffen fest: Es macht einen Unterschied, ob ich meine Ergebnisse den Entscheidern in Politik und Wirtschaft mitteile oder nicht. Und dann muss man sich auch dafür entscheiden, den Leuten die ganze Wahrheit zu erzählen. Dadurch wird man gezwungen, seine Position zu verteidigen. Entweder man legt sich dann flach auf den Boden und lässt die Kugeln der Kritiker über sich hinwegfliegen. Oder man steht auf und wird auch mal getroffen.
Jason E. Box: Es ist nicht angenehm, aus der Deckung zu gehen. Wissenschaftler sollten keine Interessenvertreter sein, sie sollen neutral sein. Ich kämpfe trotzdem aktiv gegen den Klimawandel. Die Fakten zwingen mich dazu. Vielen in der Wissenschaft missfällt das. Das setzt mir zu. Aber ich habe ein Kind. Eltern wollen ihre Kinder vor Unglück bewahren. Mir tut auch die Schöpfung leid, ich kann nicht einfach tatenlos zusehen, wie wir die Welt ruinieren, die unsere Kinder von uns erben. Zwingt uns die Wissenschaft dazu, Umweltschützer zu werden? Ich denke schon.
Bows-Larkin: Der prüfende Blick aus unserer eigenen akademischen Gemeinschaft ist genauso einschüchternd wie der von Öffentlichkeit und Politik. Das geht so weit, dass wir manchmal zögern, die unangenehmen Wahrheiten auszusprechen, die wir herausfinden.

Hinterfragen ist das eine, attackieren das andere. Klimaforscher wie Michael Mann wurden öffentlich verhöhnt. Viele erhalten Morddrohungen.
Schellnhuber: Ich habe eine Gruppe von hartnäckigen Verfolgern, klein, aber komplett verrückt. Wo immer ich hingehe, Australien, Schweden, Berlin, demonstrieren die gegen mich und beschimpfen mich.

Was werfen sie Ihnen vor?
Schellnhuber: Ich wurde von Queen Elizabeth vor einiger Zeit zum Commander des Order of the British Empire ernannt. Seitdem halluzinieren diese Leute, es wäre der Plan der Queen, das britische Empire neu aufzubauen. Dafür brauche man einen Völkermord, man müsse die Weltbevölkerung auf eine Milliarde reduzieren. Und ich träte dafür ein. Irre, nicht wahr? Aber diese Leute gibt es. Sie stören immer wieder meine öffentlichen Vorlesungen.
Box: Aber davon gibt es nicht viele, und ich glaube, man muss sie einfach ignorieren.
Schellnhuber: Das fällt schwer, auch wenn ich die natürlich nicht ernst nehme. Aber man betritt einen Vorlesungsraum, und diese Leute stehen da und haben Pamphlete dabei.
Box: Solange es nicht gewalttätig ist …
Schellnhuber: Aber wie soll denn bei einer Vorlesung eine Diskussion aufkommen, wenn man sich mit diesen Fanatikern und ihren wirren Gedanken auseinandersetzen muss? Es gibt Leute, die dort Fotomontagen hochhalten, die mich mit einer Henkersschlinge um den Hals zeigen.
Bows-Larkin: Nehmen wir die beleidigenden Tweets, denen wir alle ausgesetzt sind. Twitter ist ein Medium, in dem es sehr persönlich und aggressiv zugeht, denn je lauter man ist, desto mehr Aufmerksamkeit bekommt man. Man braucht ja nicht gleich Todesdrohungen, um nicht mehr gut zu schlafen, ein paar böse Zeilen reichen.

Woher kommt denn dieser Hass?
Box: Das liegt daran, dass die Schlussfolgerungen unserer Wissenschaft gewisse Ideologien über unser Wirtschaftssystem ins Wanken bringen. Und der Klimawandel als Symptom belegt empirisch, dass der Neoliberalismus fundamental versagt hat. Deregulierung hat die Wirtschaft heißlaufen lassen, aber eben auch das Klima. Sie ist nicht nachhaltig, sie zerstört das Ökosystem.
Schellnhuber: Ich glaube, es ist wie bei der kopernikanischen Revolution: Es ging nicht darum, ob die Erde um die Sonne kreist oder die Sonne um die Erde – sie hat die ganze Hierarchie des mittelalterlichen Systems in Frage gestellt. Und damit die Repräsentanten von Gott auf dieser Erde, die Kaiser, die Bischöfe … Das war eine Rangordnung, an der nie gerüttelt worden war. Nur deshalb wurden Galilei und Kollegen verfolgt. Jetzt stellen wir Klimaforscher ein altes, abgewirtschaftetes System in Frage. Natürlich sind das heute andere Zeiten, aber es bekommt uns nicht gut.

Herr Box, warum sind Sie mit Ihrer Familie von den USA nach Dänemark umgesiedelt?
Box: Ein Grund war der Klimawandel. Es macht mich glücklich, an einem Ort zu sein, der eine bessere Klima-Belastbarkeit hat, ökonomisch wie ökologisch.

War die feindselige Stimmung in den USA ein anderer Grund?
Box: Natürlich. Ich bin geflohen. Ich wollte raus aus diesem Trommelfeuer und einfach Forschung betreiben. Ich möchte meine Energie darauf konzentrieren, diese Krise zu lösen – für die Natur, für unsere Kinder.

2014 stellten Sie bei einer Arktisexpedition fest, dass zu viel Methan über dem Nordpol freigesetzt wird. Ihr Tweet mit dem Satz »We’re f’d« brachte Ihnen damals viel Ärger und Schelte ein, auch unter Kollegen. Warum?
Box: Der Tweet wurde verkürzt zitiert. Ich schrieb: Wenn nur ein kleiner Teil des Kohlenstoffs, der im Meeresboden liegt, freigesetzt wird, dann sind wir fucked. Aber es wurde als Tatsache zitiert. Kollegen schimpften, ich solle nicht wie ein erschrecktes Huhn herumlaufen und der Welt erzählen, dass wir geliefert sind.
Schellnhuber: Ich fühle mit Jason. Manchmal muss man den Leuten sagen, dass wir gegen eine Wand rennen. Was soll die Wortklauberei? Jasons Statement war wahrscheinlich nicht geschickt, aber streng inhaltlich richtig.
Box: Was ich gelernt habe: Die Sprache der Straße spricht mehr Menschen an als der Wissenschaftsjargon, der Report, das Chart oder Diagramme. Das haben wir schließlich die letzten zwanzig Jahre gemacht. Der Tweet wurde millionenfach geteilt. Insofern ist das F-Wort sehr effektiv. Ich opfere gern meine wissenschaftliche Reputation, wenn es hilft.
Bows-Larkin: Wenn diese Leute dich kritisieren, ohne sich den Tweet genau angesehen zu haben, ist es mit ihrem Fachwissen sowieso nicht weit her. Aber es stimmt: Man muss sich jeden Tag überlegen, welchen Kampf man annimmt. Manchmal gebe ich vor, eine Vorlesung, eine Präsentation vorzubereiten, um niemandem Rechenschaft ablegen zu müssen. Es gibt Tage, an denen ich mir wünsche, Landschaftsgärtnerin zu sein.
Schellnhuber: Tatsächlich habe ich vor ein paar Jahren überlegt, etwas komplett anderes zu machen. Es war nach der Sache mit den gehackten E-Mails.

Im sogenannten Climate-Gate 2009 stellten Hacker Tausende E-Mails von Klimaforschern ins Netz. Einige waren polemisch gegen Kritiker, was der Klimaforschung den Ruf der Unredlichkeit einbrachte. Allerdings ergaben Untersuchungen kein wissenschaftliches Fehlverhalten.
Schellnhuber: Da waren auch Hunderte Mails von mir dabei, die von einem russischen Server gestreut wurden. Vor diesem Datendiebstahl hofierten einen die Medien. Daraus wurden dann Ankläger: Geben Sie doch endlich zu, dass Sie die Daten manipuliert haben! Damals habe ich mich gefragt: Ist es das wert? Man hat dreißig Jahre lang daran gearbeitet, eine unangenehme Wahrheit aufzudecken. Zum Wohle der Menschheit, wie ich überzeugt bin. Aber stattdessen wird man wie ein Krimineller behandelt. Ich bin froh, dass ich damals nicht hingeschmissen habe.
Box: Ich hatte 2007 ein Burn-out. Ich hatte mich zu sehr in meine Arbeit hineingesteigert.

Gibt es irgendetwas am Job des Klimatologen, was nicht frustrierend ist?
Box: Wissen zu erlangen und weiterzugeben ist sehr befriedigend. Den meisten Wissenschaftlern reicht das. Die Stimme zu erheben und für eine Sache einzutreten, das überlässt man dann lieber anderen.
Schellnhuber: Wir beginnen zu entwirren, wie dieses großartig komplexe System Erde funktioniert. Und jedes Jahr kommen neue Entdeckungen hinzu. Wir verstehen endlich, wie die Jetstreams, Winde in acht bis zwölf Kilometer Höhe, von der Erderwärmung beeinflusst werden. Es ist faszinierend.
Bows-Larkin: Die Arbeit meines Teams floss in Parlamentsausschüsse ein. Ich kann sagen, dass wir zumindest eine Stimme in der Debatte waren, die zu einem Klimaschutzgesetz in Großbritannien geführt hat. Und natürlich war Paris eine einschneidende Erfahrung für mich, wenngleich ich sie nicht als positiv bezeichnen würde. Eher als essenziell, anstrengend und auch frustrierend. Mein Forschungsschwerpunkt – die Emissionen des Flug- und Schiffsverkehrs – fand sich nicht im Vertragstext wieder. Das war ein Dämpfer für mich. Aber wenn es uns nicht gäbe, wäre alles wahrscheinlich viel schlimmer.

Gibt es noch Optimisten unter den Klimaforschern?
Schellnhuber: Die Frage ist eher: Gibt es noch Forscher, die mutig ihre Ergebnisse präsentieren, egal wie schlimm sie sind? Stefan Rahmstorf ist ein Beispiel, er wurde 2007 sehr hart attackiert. Für einen Artikel in einer deutschen Zeitung führte er sieben, acht Beispiele auf, wie Klimawandelleugner die Wahrheit verdrehen. Er lag in jedem Beispiel richtig, aber die Rache ließ nicht lange auf sich warten. Er hatte gesagt, Journalisten, die zu reißerisch schreiben, kämen auf seine »schwarze Liste«. Plötzlich galt er als Ideologe – nicht die, die den Klimawandel wider alle Fakten leugnen!
Box: Ach, die Optimisten! Ja, wie nett, über all die Möglichkeiten nachzudenken, die ein Happy End vorsehen: Saubere Energie, Windräder, Solarenergie – darin liegen große Wachstumschancen! Jede Krise hat ihre Chance! Hey, lass uns die Natur bewahren und dabei reich werden . . ! Nein, daran glaube ich nicht.
Schellnhuber: Der Klimawandel ist für diese Leute nur ein Wirtschaftsfaktor. Das ist die angloamerikanische Ideologie. Aber es wird Verlierer geben. Ich glaube eher an Schumpeters Idee der Schöpferischen Zerstörung – eine industrielle Revolution wird durch die nächste abgelöst. Das alte System wird bedroht durch das neue. Der hemmungslose Ressourcenverbrauch wird durch Nachhaltigkeit, durch Recycling ersetzt werden.
Box: Man kann es an der Verzögerung bei der Energiewende erkennen, den wir der fossilen Industrie zu verdanken haben. Das alte System führt seine letzten Kämpfe.

Schlafen Sie gut?
Schellnhuber: Ich schlafe im Allgemeinen gut. Aber es gibt Phasen, da hat man Albträume.
Box: Ist es nicht eher so, als wären wir alle wach in einem Albtraum gefangen? Unsere Spezies ist ziemlich intelligent, in Sachen Technik und so weiter. Aber sie ist nicht weise. Wir sind über die Klippe gerannt, wie in diesen Comics, wir hängen in der Luft und rennen und fallen noch nicht. Wenn wir nicht bald massiv gegensteuern, wird unsere Welt in hundert Jahren aussehen wie im Mad-Max-Film.

Jetzt malen Sie wieder ein düsteres Bild. Stumpfen solche Botschaften die Menschen vielleicht auch ab?
Schellnhuber: Es ist ein Mythos, dass Angst nicht funktionieren würde. Es geht doch um reale Risiken! Wir haben hier in Deutschland einen phänomenalen Siegeszug der erneuerbaren Energie innerhalb von zehn Jahren geschafft. Warum wohl? Ein Grund war sicher die Klimadebatte. Und natürlich Sandy, Katrina, Haiyan und all die anderen vernichtenden Wirbelstürme, die ihre Wirkung hinterlassen haben. Nun lässt sich keineswegs jeder einzelne Sturm auf den Klimawandel zurückführen. Aber wir pumpen mit der globalen Erwärmung immer mehr Energie ins Klimasystem, und das führt zu Wetterextremen. Man muss den Menschen das ganze Bild eröffnen, und das Bild ist beängstigend.

Sozialpsychologen finden, Angst sei ein schlechter Motivator für grundlegende Veränderungen. Besser seien Visionen einer wünschenswerten Zukunft.
Bows-Larkin: Mag sein, aber wir sind Physiker. Wir nehmen ein Problem und brechen es herunter, um nach Möglichkeiten zu suchen, wie man damit umgeht. Es hilft uns nicht weiter, das nicht auszusprechen. Auch die Fördermittelgeber hören nicht gern, dass wir es hier mit einem Problem zu tun haben, das die Sozialwissenschaften ebenso betrifft wie die Wirtschaft, das Ingenieurswesen und die Physik. Wir müssen erforschen, wie diese radikalen alternativen Visionen aussehen könnten, wie das Wirtschaftssystem beschaffen sein müsste, das den Menschen in fünfzig, in hundert Jahren ein gutes Leben ermöglicht. Es wird auf jeden Fall anders sein als das neoliberale System heute.
Box: Nicht Aufschriften mit Todesdrohungen auf Zigarettenschachteln bringen Menschen dazu, weniger zu rauchen, sondern Rauchverbote in der Gastronomie. Um den Klimawandel einzudämmen, kommt man mit Worten nicht weiter, man muss den Kohlenstoffausstoß verbieten oder zumindest stark beschränken.
Schellnhuber: Ja, aber wie?
Box: Mit Gesetzen!
Schellnhuber: Wessen Gesetzen?
Box: Gesetzen, die sich aus dem Pariser Vertrag ergeben. Der Kohlenstoffausstoß muss verboten oder global mit Steuern sanktioniert werden, um mit dem Erlös erneuerbare Energien zu fördern. Das ist doch ein ziemlich offensichtliches Instrument.
Schellnhuber: Ich wünschte, Sie hätten recht, aber das wird so nicht passieren. Ich favorisiere eine andere Macht: die Moral. Es ist eine Pflicht, den Klimawandel zu bekämpfen, denn es ist ungerecht, die Folgen den Menschen an den Rändern der Welt oder künftigen Generationen aufzubürden. Die Divestment-Bewegung ist ein guter Anfang. US-Studenten haben damit begonnen: Sie wollen nicht, dass mit ihren Studiengebühren in fossile Energien investiert wird. Ihrem Beispiel folgen immer mehr Universitäten und Geldgeber wie die Allianz oder der norwegische Staatsfonds. Aus ökonomischen Gründen, aber eben auch aus moralischen. Es werden zurzeit Hunderte neuer Kohlekraftwerke gebaut. Der Anteil privater Investoren, die dafür Geld geben, liegt nur noch bei fünf Prozent! Die Kraftwerke werden alle hauptsächlich von Staaten finanziert und subventioniert. Die Hoffnung ist, dass dieses Modell irgendwann kippt und zusammenbricht, damit die Transformation endlich stattfinden kann.

Nun bewerben sich mit Donald Trump und Ben Carsons zwei Männer als US-Präsident, die den Klimawandel leugnen und alle klimafreundlichen Ansätze torpedieren.
Box: Die stellen sich bloß dumm. Wenn sie mit fortschrittlichen Positionen um die Ecke kämen, würden sie aus der Republikanischen Partei geworfen. Diese Partei wird hauptsächlich von der Ölindustrie finanziert.

Macht Sie das nicht fassungslos?
Box: Doch, natürlich. Aber ich betrachte das einfach nur objektiv und lasse es nicht mehr an mich heran. Letztlich zeigt sich im Erfolg solcher Politiker auch die Krise unserer Bildung, der Mangel an gesellschaftlichem Bewusstsein.
Bows-Larkin: Skeptiker gibt es überall, doch nur in den USA treten die Leugner so unverblümt auf. Das ist schon verstörend.
Box: Alles geht zurück auf die amerikanische Ideologie, dass der Staat und Gesetze per se böse sind. Sie ist der Nährboden für den Glauben, dass eine große Verschwörung von oben im Gange wäre.
Schellnhuber: In Paris haben die USA eine sehr konstruktive Rolle gespielt, allerdings steht dem smarten Präsidenten Obama ein teilweise dysfunktionales politisches System in den USA gegenüber. Und das im wohl wichtigsten Land der Welt. Der Senat wird gegen den Klimaschutzvertrag kämpfen. Eine Tragödie, denn gerade Nordamerika wird unter den Klimafolgen leiden, die Dürre in Kalifornien ist nur ein Vorgeschmack.

Es gibt Stimmen, die dazu raten, die Erderwärmung zu akzeptieren und alle Energie darauf zu verwenden, sich ihr anzupassen. Machen Sie sich vielleicht alle zu viele Sorgen?
Bows-Larkin: Ein paar Klimaforscher sind deprimiert – na und? Die Menschen, um die es gehen wird, leben in den armen Teilen der Welt, in jenen Regionen, die am meisten betroffen sein werden. Sie haben nur zehn Prozent zum Problem beigetragen. Für sie stellen sich existenzielle Fragen.
Schellnhuber: Manche Wissenschaftler behaupten, uns bleibe genug Zeit für die Anpassung. Den Beleg bleiben sie allerdings schuldig. Wir dagegen werden unter die Lupe genommen, wenn wir vor dem unaufhaltsamen Abschmelzen des Grönlandeises warnen. Dann heißt es: Wo ist der Beweis, das ist doch nur eine Computersimulation! Ich denke, es spendet einen gewissen Trost, sich einzureden, dass wir uns immer angepasst haben. Doch unsere Zivilisation kann sich nicht an eine ungebremste Erderwärmung um vier, fünf Grad bis 2100 anpassen. Und die träte ein, wenn wir einfach so weitermachen würden wie bisher. Wir lösen heute innerhalb von wenigen Jahrzehnten Veränderungen aus, die sich über Jahrhunderte, vielleicht Jahrtausende erstrecken können.
Box: Wir Wissenschaftler haben den Klimawandel doch längst akzeptiert: Die polaren Eisschilde werden auch bei unserem gegenwärtigen Klima, also wenn es alles so bliebe wie jetzt, auf jeden Fall langsam verschwinden. Wenn es wärmer wird, und das wird es, entsprechend schneller. Sie sind schon knapp jenseits ihrer Schwelle.

Und wenn wir das Zwei-Grad-Ziel bis 2100 doch erreichen? Oder sogar 1,5 Grad, wie im Pariser Vertrag steht?
Box: Bei zwei Grad mehr als heute werden sie entsprechend schneller schmelzen.
Bows-Larkin: Das Zwei-Grad-Ziel ist immer noch ein sehr optimistisches. Es hilft, sich darauf zu konzentrieren, was möglich ist. Es sollte uns aber nicht davon entbinden, jetzt schon alles Erdenkliche zu tun, um die Erderwärmung abzuschwächen. Wir können unsere Energie nicht nur deswegen ein klein wenig sauberer machen, weil es dann besser für die Wirtschaft ist. Für Millionen Menschen auf der Welt werden zwei Grad mehr desaströse Folgen haben, weil sie in küstennahen Gegenden leben.
Box: Eben: Selbst bei zwei Grad wird der Meeresspiegel steigen, wird es Zwangsumsiedelungen geben, Massenflucht, kurz: unbeherrschbare Auswirkungen.
Schellnhuber: Selbst heute, da es nur ein Grad wärmer ist als vor hundert Jahren, haben wir schon drastische Auswirkungen. Schauen Sie sich die tropischen Inseln an, deren Küsten vom Meer langsam verschluckt werden. Die wenigen Glücklichen wie wir hier in Europa werden sich vielleicht anpassen können. Aber fragen Sie mal die Menschen an den Küsten von Bangladesch. Für die reichen Staaten geht es um Nuancen ihres Lebensstils, für die anderen um die Existenz. Es lohnt sich, um jedes Zehntelgrad zu kämpfen. Resignation wäre falsch. Die größten Klimarisiken werden voraussichtlich doch vermieden oder begrenzt werden, wenn wir unter zwei Grad Erwärmung bleiben.

Wie werden die Menschen in hundert, zweihundert Jahren auf uns zurückschauen?
Box: Ich schätze, sie werden milde auf die blicken, die früh genug gewarnt haben. Auf die Klima-Whistleblower. Sollte das Ökosystem dann ruiniert sein, werden die Donald Trumps dieser Welt wohl nicht so gut wegkommen.
Schellnhuber: Die Frage ist: Gibt es dann noch eine konsistente Geschichtsschreibung, die das Anthropozän und seine Probleme unter die Lupe nehmen kann? Gibt es ein Happy End? Wenn die Dinge richtig laufen, wenn wir die Transformation hinbekommen, dann ja. Dann wird Jason ein Held der Geschichte sein.
Box: Und nur dann!
Schellnhuber: Und wenn nicht, dann wird man auf eine Zivilisation zurückschauen, die ihre eigene Existenzgrundlage zerstört hat, aus Torheit und Gier.

_________________________

Ein starker Schlusssatz! (I.Novak)

 

Veröffentlicht unter unzugeordnet | Kommentar hinterlassen