Billigfleisch für Billigmenschen

(Zitat aus der Freitag – Datum heute)

Kein Billig-Kotelett ist auch keine Lösung

Moral Muss Fleisch teurer werden? Nein, denn die Forderung lenkt davon ab, dass es Alternativen zum herrschenden System gibt

Kathrin Hartmann | Ausgabe 29/2020 8

Wenn ans Licht kommt, unter welch verheerenden Bedingungen unsere Alltagsprodukte entstehen, folgt reflexhaft die Forderung, dass diese Dinge teurer werden müssten. So war es, nachdem 2013 in Bangladesch das Gebäude Rana Plaza einstürzte und mehr als tausend Näherinnen starben. So bestimmt die Forderung nach hohen CO₂-Preisen, teureren Flügen und SUVs die Klimadebatte. So geschah es auch jetzt nach dem Tönnies-Skandal: Neben den Grünen will nun selbst Agrarminsterin Julia Klöckner (CDU) höhere Fleischpreise, in den Medien prangern Kommentatorinnen und Kommentatoren die Gier nach Billig-Kotteletts an.

Keine Frage: Wenn das Kilo Schweinesteak vier Euro kostet, man für 14 Euro nach Malle fliegen und sich bei Primark für 30 Euro von Kopf bis Fuß einkleiden kann, dann zahlt jemand anders drauf. Nämlich Arbeiterinnen und Arbeiter, Tiere, Natur und Klima. Doch die Forderung nach höheren Preisen ist Ausdruck einer moralischen Empörung, die die Verantwortung auf Konsumentinnen und Konsumenten abschiebt, die es angeblich so billig wollen. Dabei sind niedrige Preise politisch erwünscht und gestützt. Wenn Produkte, besonders Lebensmittel, wenig kosten, dann müssen weder Löhne noch Renten und Hartz IV erhöht werden. Damit sichert Deutschland seinen Exportvorteil auf Kosten anderer Länder und ermöglicht es gleichzeitig den Armen, zu konsumieren.

So orientiert sich der Regelsatz für Hartz IV nicht zuletzt an billigem Essen. Anders wären 5,02 Euro für Erwachsene und 2,92 Euro für Kinder pro Tag für Essen und Getränke nicht denkbar. Es ist kein Zufall, wenn liberale und konservative Politikerinnen und Politiker und Industrielle immer dann ihr Herz für Arme entdecken, wenn Billigpreise kritisiert werden. In Talkshows zerren sie den armen Rentner und die schlecht bezahlte Kassiererin hervor, die sich auch mal einen Malle-Urlaub leisten können sollen. Für höhere Einkommen dieser Menschen setzen sie sich nicht ein.

Paul-Heinz Wesjohann, Millionär und ehemaliger Chef des größten deutschen Geflügelfleischkonzerns PHW (Marke Wiesenhof) sagte im Interview mit der Welt: „Die moderne Geflügelzucht ist eine große soziale Tat.“ Sie habe „das ehemalige Luxusprodukt Fleisch für die breite Masse erschwinglich“ gemacht. Wesjohann ist Träger des Bundesverdienstkreuzes.

Die Forderung, dass schädliche Produkte teurer werden müssten, spielt die ökologischen gegen die sozialen Fragen aus. Die geknechtete Näherin in Kambodscha, der ausgebeutete migrantische Erntehelfer in spanischen Gewächshäusern, die Bäuerinnen und Bauern, die unter dem Preisdiktat der Supermärkte ächzen: Sie alle sind Opfer desselben Systems wie Hartz-IV-Empfängerinnen, arme Rentner oder Mini-Jobber. Eine der Tragödien der ökologischen und sozialen Krise ist, dass der Kapitalismus die Armen dazu zwingt, ihre eigenen Lebensgrundlagen, ihre Gesundheit und eben auch Umwelt und Klima zu zerstören. Menschen im Globalen Süden sind gezwungen, in Palmölplantagen, Textilfabriken oder in Minen zu arbeiten, um billige Produkte und Rohstoffe für den Export in die reichen Länder bereitzustellen. In den reichen Ländern sind Arme und prekär Beschäftigte zu einer imperialen Lebensweise gezwungen, weil sie nur billig kaufen können. Während Reiche, die den größten ökologischen Fußabdruck haben, sich teurere Öko-Produkte oder das Recht auf Dreck kaufen können.

In ihrem Buch Entwertung. Eine Geschichte der Welt in sieben billigen Dingen zeichnen die globalisierungskritischen Wissenschaftler Raj Patel und Jason W. Moore die Geschichte des Kapitalismus anhand sieben billiger Dinge nach, auf die sich die Herrschenden seit dem Kolonialismus Zugriff verschaffen: Natur, Geld, Arbeit, Fürsorge, Nahrung, Energie und Leben. Ein Beispiel, wie untrennbar diese miteinander verbunden sind, ist die Produktion von Hühnerfleisch, dem billigsten und meistverzehrten Fleisch der Welt.

Das Huhn, das ursprünglich aus asiatischen Wäldern stammt, wurde derart überzüchtet, dass es binnen 40 Tagen zur Schlachtreife heranwächst – vor 100 Jahren waren es noch 90 Tage. So kann ein Zuchtbetrieb zigtausende Hühner halten. 20.000 bis 40.000 Mastplätze sind die Standardgröße für einen Maststall. Um die Ställe zu heizen, das maschinelle Töten und Verarbeiten zu beschleunigen, das Fleisch zu kühlen und zu transportieren, braucht es billige fossile Energie. Sowohl die industrielle Landwirtschaft als auch die Produzenten fossiler Energie sind hoch subventioniert und erhalten problemlos günstige Kredite. Landwirtschaftliche Betriebe bekommen umso mehr Geld von der EU, je größer sie sind. Die Politik hat stets ihre schützende Hand über die verheerende Produktion von Fleisch und anderen Lebensmitteln gehalten – inklusive der katastrophalen Arbeitsbedingungen und sklavenähnlichen Zustände.Es waren Innenminister Horst Seehofer (CSU) und Julia Klöckner, die trotz Corona-Pandemie per Sondergenehmigung 80.000 rumänische Erntehelferinnen und -helfer nach Deutschland holen ließen. Billige Arbeiterinnen und Arbeiter wiederum brauchen billige Nahrung. Schlechte Arbeit macht Menschen krank, doch die kostenlose Fürsorge obliegt meist den Frauen. Für all das braucht es billige Leben, nämlich die Entwertung von Natur, Tieren und Menschen. Und zwar von Frauen, Migrantinnen und Migranten, Indigenen, Nichtweißen. Billig bedeutet nicht einfach, dass etwas wenig kostet. Billige Dinge, so schreiben Moore und Patel, seien „vielmehr Strategien, mit deren Hilfe der Kapitalismus sein Fortbestehen sichern und Krisen meistern konnte“. Der Kapitalismus sei darum erfolgreich, weil er natürliche Ressourcen für sich arbeiten lasse – so günstig wie möglich.

Souveränität statt Wachstum

Höhere Preise oder eine „Fleischabgabe“ am Ende einer langen Kette von Leid und Zerstörung werden dieses System nicht ändern. Selbstverständlich aber geht es anders, gerade in der Landwirtschaft. Etwa mit dem Konzept der Ernährungssouveränität, für das weltweit Millionen Kleinbäuerinnen und Kleinbauern kämpfen. Dahinter steckt eine ökologisch und sozial gerechte Landwirtschaft, die sich an den Bedürfnissen der Menschen orientiert und von diesen bestimmt wird. Eine, die nicht Wachstum, Export und die Interessen der Agrarindustrie in den Mittelpunkt stellt, sondern den lokalen Anbau und Handel.

In Deutschland wird dieses Konzept in mehr als 300 Solidarischen Landwirtschaften umgesetzt und, jenseits des Marktes, gemeinsam von Bäuerinnen, Gärtnern, Bürgerinnen und Bürgern organisiert. In Griechenland versorgen auf diese Weise seit der Krise „Märkte ohne Mittelsmänner“ und Essenskooperativen ein Viertel aller Haushalte mit mehreren Tonnen Essen pro Jahr – zu besseren Preisen für Produzenten und Konsumentinnen. Die Solidarische Bewegung dort versteht dies nicht als Notversorgung, sondern als Alternative zum herrschenden System. Eine, die gutes Essen für alle möglich macht.

Eine Tafel voller Klimasünden

Über die sozialen und ökologischen Kosten unseres Konsums

Sneaker

In einem Paar Laufschuhe stecken zwischen 11,3 und 16,7 Kilo CO₂. Die Lohnkosten eines 120 Euro teuren Turnschuhs betragen 2,50 Euro. Eine Näherin in Indien, die in ihrer eigenen Wohnung einzelne Bestandteile für Schuhe näht, erhält dafür pro Paar etwa 14 Cent. Insgesamt fließen nur etwas mehr als zwei Prozent des Endpreises in die Löhne der ArbeiterInnen, die den Schuh herstellen. Etwa ein Viertel bleibt beim Markenunternehmen, etwa ein Drittel beim Einzelhandel.

Streaming

Bei Netfllix kostet ein Basis-Abo acht, bei der Arthouse-Alternative Mubi sechs Euro im Monat. Video-Streaming ist eine echte CO₂-Schleuder. Allein im Jahr 2018 verursachte es mehr als 300 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente. Das entspricht der Menge, die das Land Spanien in einem Jahr ausstößt. Streaming verursacht jährlich ein ganzes Prozent der globalen CO₂-Emissionen beziehungsweise 20 Prozent aller Treibhausgase, die insgesamt von Digitaltechnik verursacht werden.

Smartphone

Rund 60 Rohstoffe aus bis zu 100 verschiedenen Minen sind in einem Smartphone verbaut. Elektroschrott ist global der am schnellsten wachsende Müllberg: Jedes Jahr kommen 50 Millionen Tonnen hinzu. Die Arbeitskosten eines Exemplars machen zwei Prozent des Fabrikpreises von 100 Dollar aus. Heute verdienen ArbeiterInnen umgerechnet 350 Euro monatlich. Der Lohn für zwölf Stunden Kinderarbeit in einer Kobaltmine der Demokratischen Republik Kongo: ein bis zwei Dollar.

Banane

Dass Bananen eine schlechte CO₂-Bilanz aufweisen, ist allgemein bekannt. Die Arbeitsbedingungen sind nicht besser: In Ecuador liegt der gesetzliche Mindestlohn bei 324 Euro pro Monat. Die Lebenshaltungskosten betragen monatlich 598 Euro. PlantagenarbeiterInnen erhalten zwölf bis 16 Euro pro Tag. In der Dominikanischen Republik liegt der Lohn im Banenensektor bei 40 Prozent eines zur Existenzsicherung nötigen Lohns.

Bratwurst

Bei Aldi Süd gibt es eine einzelne Bratwurst für 49 Cent. Eine Bratwurst „verbraucht“ 4.800 Liter Wasser. Sie „kostet“ über zwei Quadratmeter an Fläche und fast zwei Kilogramm CO₂. Werkvertragsbeschäftigte bei Tönnies „verdienen“ 1200 bis 1500 Euro netto für 200 Arbeitsstunden pro Monat, das ergibt sechs bis 7,50 Euro pro Stunde. MitarbeiterInnen berichteten zuletzt von „Krampfadern, Rückenschmerzen, Taubheit in den Händen durch die Kälte“ als Folgen ihrer Arbeit.

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No Jobs on a dead planet

Vier Ausreden der Verantwortlichen, nichts tun zu müssen

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„There are no jobs on a dead planet”

Mit diesen 4 Strategien wird gute Klimapolitik ausgebremst

Tom Schaffer / Moment


/ 6. Juli 2020

Alle seriösen WissenschafterInnen sind sich einig, dass die Klimakrise menschengemacht ist. Und auch die Politik leistet seit Jahren Lippenbekenntnisse, die Katastrophe verhindern zu wollen. Warum tut sich dann aber trotzdem so wenig? Wie werden Maßnahmen gegen die Klimakrise ausgebremst? KlimaforscherInnen haben vier Arten von Vorwänden in Politik und Medien entdeckt, die den Fortschritt behindern.

Die 4 Ausreden zur Klimapolitik laut einer Studie

#1 Verantwortung abschieben

Die Verantwortung dafür, die Klimakrise zu lösen, haben andere. So wird nichts gegen die Klimakrise getan, bis es etwa nicht jeder einzelne Mensch tue. Und weil die Veränderung jedem einzelnen Menschen aufgebrummt wird, redet man am besten auch gar nicht erst über systemische Veränderungen (die Studie nennt diese Unterkategorie „Individualisierung„). Oft werden Handlungen auch auf die lange Bank geschoben, weil andere angeblich noch viel schlimmere Umweltverschmutzer seien. Europa tut dann nichts, weil die USA schlimmer sind. Die USA tun nichts, weil angeblich China ein schlimmerer Verschmutzer sei. Und China tut nichts, weil westliche Länder viel wohlhabender sind und ja auch nichts täten. Das Ergebnis: Niemand tut genug, weil niemand etwas tue und schuld sind immer die anderen („Whataboutism„). Das ist verwandt mit einem dritten Muster dieser Art: Maßnahmen werden als unfair dargestellt, wenn sie anderen nützen, die sich daran aber gar nicht beteiligen („Trittbrettfahrer-Ausrede„).

Die Studien-AutorInnen sagen: „Diese Diskurse beschäftigen sich mit der tatsächlichen Herausforderung, faire und flächendeckende Lösungen zu finden. Aber zu oft werden unrealistische Bedingungen aufgebaut, um etwas zu tun. Und es wird anderen abverlangt, die Führung zu übernehmen.“

#2 Hoffnungslosigkeit

Wer in dieser Kategorie diskutiert, hat die Hoffnung auf eine positive Veränderung schon aufgegeben und verlangt das auch von allen anderen. Entweder seien die notwendigen Schritte in unserer Gesellschaft total unmöglich zu erreichen („Veränderung ist unmöglich„) oder es sei sowieso schon viel zu spät, um noch etwas zu tun und man solle sich besser auf die bevorstehende Katastrophe einstellen („Untergangsdenken„).

Die Studien-AutorInnen sagen: „Diese Kategorie scheut sich vor der schwierigen Arbeit, Klimaengagement aufzubauen und effektive Lösungen abzuwägen.“

#3 Zu klein denken

Verantwortliche stellen infrage, ob ein grundlegender Wandel denn wirklich nötig sei. Oft werden dann „Lösungen“ angepriesen, die bestehende Systeme nicht anfassen und bei weitem nicht ausreichen, um die Klimakrise zu lösen und die drohende Klimakatastrophe zu verhindern. („Lösungen mit endlichen Energieträgern„) Darunter fallen auch Verantwortliche, die sich zwar Show-reif zu „VorreiterInnen“ erklären, aber dann wenig dafür tun („Viel reden, wenig handeln„). Oder solche, die hart daran glauben, dass sich schon rechtzeitig irgendeine technische Lösung für alle Probleme finden lässt („Tech-Optimismus„) Eine eher der neoliberalen Ideologie entspringende Haltung ist die „Nur Zuckerbrot, keine Peitsche„-Methode, wo zwar Angebote ausgebaut werden sollen, Steuern, Strafen und andere negative Konsequenzen von schädlichem Verhaltenaber abgelehnt werden.

Die Studien-AutorInnen sagen: „Der Hang zu kleinen Schritten hilft, das zu vermeiden, was bestehende Machtstrukturen am stärksten gefährden würde.“

#4 Die Nachteile überbetonen

Die Klimakatastrophe zu verhindern kostet Geld und Ressourcen, das steht außer Frage. BremserInnen betonen diese Nachteile aber oft zu sehr. Sie stellen die Kosten als Bedrohung für den Lebensstandard, den Arbeitsmarkt oder das Wirtschaftswachstum dar. („Appell an den Wohlstand„) Ein besonderer Ausdruck rückt die Kosten für ärmere Menschen in den Vordergrund. („Appell an die soziale Gerechtigkeit„) Beide führen zu einer sehr übervorsichtigen Politik, die erst dann agiert, wenn wirklich alle an Bord und mitbedacht sind („Politischer Perfektionismus„). Oft kommen diese Argumente von Leuten, die nicht den nötigen Aufwand investieren, um Menschen miteinzubeziehen und Chancen auf gemeinsame Lösungen zu nutzen.

Die Studien-AutorInnen sagen: „Die Nachteile von Klimamaßnahmen überzubetonen, lenkt die Aufmerksamkeit von den Schäden ab, die sie verhindern. Und es ignoriert oder bestreitet die Möglichkeit, eine einbeziehende Politik zu machen, die soziale Vorteile hat und breite akzeptiert wird.“

Menschen, die die Klimakrise einfach nur entgegen aller Belege leugnen, werden in der Studie übrigens nicht betrachtet. Es geht um BremserInnen. Allerdings sind sie sich im Ansatz ähnlich, so die ForscherInnen. Wenn man diese unterschiedlichen Muster in der Debatte erkenne, dann könne man ihnen womöglich maßgeschneiderte und bessere Antworten entgegnen. Das könne zu einer besseren öffentlichen Debatte führen.

Die Studie betont im Text auch, es gehe nicht darum, Motive zu bewerten: „Die Äußerungen werden oft auch mit guter Absicht vorgebracht.“ Einige der Äußerungen würden durchaus auch teilweise wahres beinhalten, schreiben die ForscherInnen. Aber gerade dadurch bestehe die Gefahr, dass diese Muster und Strategien die Öffentlichkeit verwirren und notwendige Verbesserungen ausbremsen.

Natürlich ist zum Beispiel nicht zu bestreiten, dass Maßnahmen bewusst so gestaltet werden müssen, dass sie sozial gerecht sein können. Aber das sind Probleme, die man mit dem nötigen Willen lösen könnte. 

Denn die sozial ungerechteste, teuerste und hoffnungsloseste Klimapolitik ist die, gar nichts zu tun. 

Die auf Englisch verfasste Studie erschien im renommierten Cambridge University Press Verlag.

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Regierender Kriminaltango in Österreich

Zitat aus: Süddeutsche Zeitung

Ibiza-Affäre: Österreichs Rechtsstaat verkommt zu Farce

25. Juni 2020, 10:40 Uhr

(Heinz-Christian Strache, ehemaliger FPÖ-Parteivorsitzender und Vizekanzler von Österreich, nach seiner Befragung im Ibiza-Untersuchungsausschuss Anfang Juni.)  (Foto: dpa)

Die „Aufklärung“ der Ibiza-Affäre rund um Ex-Vizekanzler Heinz-Christian Strache beweist: Österreich hat ein Korruptionsproblem und muss dringend Reformen zulassen. Sonst ist der nächste Skandal nicht weit.

Kommentar von Leila Al-Serori, Wien

Als das Ibiza-Video im Mai 2019 veröffentlicht wurde, dachte wohl so mancher Beobachter, schlimmer geht’s nicht. Schließlich legte Österreichs mittlerweile ehemaliger Vizekanzler Heinz-Christian Strache (FPÖ) angetrunken einer falschen Oligarchennichte die halbe Republik zu Füßen. Ein Jahr und Hunderte unerwartete Wendungen später hat sich ein anderer Eindruck verfestigt. Doch, es geht schlimmer.

Der österreichische Rechtsstaat gibt in den vergangenen Wochen ein verheerendes Bild ab. Zu den Korruptionsvorwürfen in mehreren Schattierungen haben sich ungeklärte Anschuldigungen von Vertuschung, politschen Interventionen und Schlamperei gesellt. Es ist der Eindruck entstanden, dass Ermittler und Politik nicht an der schonungslosen Aufarbeitung eines der bedeutendsten Korruptionsfälle der österreichischen Geschichte interessiert sind. Dass die Republik zwar offenbar ein Problem mit Korruption hat, aber nicht den Willen, dieses Problem zu lösen. Ein Eindruck, der eines Rechtsstaates unwürdig ist.

Kurz im Ibiza-U-Ausschuss

„Jetzt platzt mir gleich der Kragen“

Österreichs Kanzler Sebastian Kurz muss als Zeuge die Rolle seiner Partei in der Ibiza-Affäre erörtern – und sich dabei so manchen Angriff der Opposition gefallen lassen.   Von Leila Al-Serori

Die Causa Ibiza ist längst nicht mehr nur Schlagwort für Verfehlungen von Strache und der FPÖ – sondern auch von Politikern aller Couleur und den Behörden. Seit Anfang Juni tagt im Parlament ein Untersuchungsausschuss, und er hat dieses Bild verstärkt. Kein Tag vergeht, ohne dass neue Vorwürfe und Skandale den Medien zugespielt werden. Diese sind oft regelrecht absurd, reichen von Drogenmissbrauch bis hin zu Verbindungen ins Rotlichtmilieu – ein gefundenes Fressen für den Boulevard, der die Ibiza-Affäre sowieso schon als grelles Medienspektakel in Szene setzt.

Dahinter stehen oft parteipolitische Interessen, die die gemeinsamen Aufklärungsversuche zurückdrängen. Der Untersuchungsausschuss ist zur Wahlkampfveranstaltung mutiert. Das machte auch der Auftritt von Kanzler Sebastian Kurz am Mittwoch deutlich. Die Abgeordneten der Opposition nahmen ihn teilweise hart ran, teilweise kochten sie ihr eigenes Süppchen, die eigene Partei deckt ihn sowieso. Große Erkenntnisgewinne gab es nicht.

Dabei spielt die Kanzlerpartei ÖVP längst keine Nebenrolle mehr. Kurz muss sich natürlich die Frage gefallen lassen, inwiefern er von den Umtrieben seines Koalitionspartners wusste und inwiefern seine Partei darin involviert war. Vor allem da Kurz als jemand gilt, der gerne die Kontrolle behält. Hinzu kommen Vorwürfe seitens der Opposition, dass die ÖVP die Aufklärung absichtlich behindere. Die dem ÖVP-geführten Innenministerium unterstellten Ermittler sollen offenbar ohne nachvollziehbare Gründe Beweismaterial vor der Korruptionsstaatsanwaltschaft zurückgehalten haben. Nicht immer ist klar auseinanderzudividieren, was Schlamperei ist – und was politische Intervention. Es sind jedenfalls schwerwiegende Vorwürfe, die restlos aufgeklärt gehören.

All die Vorkommnisse unterstreichen, was Experten seit Jahren fordern: Justiz und Polizei müssen in Österreich dringend reformiert, Versuche parteipolitischer Einflussnahme auf die Justiz unterbunden werden. Der Eindruck, dass es immer nur noch schlimmer werden kann, der Rechtsstaat nur eine Farce ist, muss aufhören. Dem ganzen Land sollte daran gelegen sein, dass die Causa Ibiza nicht zum Spektakel verkommt, sondern langfristige Reformen und mehr Transparenz zur Folge hat. Sonst ist der nächste Korruptionsskandal nur eine Frage der Zeit.

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Klimakrise – Action!!! Sonst wirds zu spät sein

Zitat aus: Der Freitag .de 2017

Der Planet schlägt zurück

Apokalypse Hunger, Stürme, Kriege und eine Sonne, die uns kocht: Wie der Klimawandel die Welt verändern wird

David Wallace-Wells | Ausgabe 29/2017 255

Hurrikan Irma: Es wird viel häufiger Stürme geben, die so stark sein werden, dass wir neue Kategorien zu ihrer Beschreibung erfinden müssen

Ich verspreche Ihnen, dass es schlimmer ist, als Sie denken. Wenn Ihre Angst vor dem Klimawandel von der Sorge um steigende Meeresspiegel bestimmt wird, kratzen Sie gerade an der Oberfläche dessen, was an schrecklichen Dingen bereits im Leben eines heutigen Teenagers möglich ist. Die ansteigenden Meere – und die Städte, die in ihnen versinken – haben das Bild der Erhitzung der Erde derart geprägt, dass wir andere damit verbundene Bedrohungen gar nicht mehr wahrnehmen. Steigende Meeresspiegel sind schlecht, sogar sehr schlecht, aber es wird nicht damit getan sein, von der Küste wegzuziehen.

Milliarden von Menschen müssten ihren Lebensstil konsequent anpassen, um das Schlimmste zu verhindern. Das aber geschieht nicht. Daher werden wahrscheinlich bereits am Ende dieses Jahrhunderts Teile der Erde unbewohnbar werden.

Selbst wenn wir unsere Augen darauf trainieren, die Folgen des Klimawandels zu sehen, so sind wir doch unfähig, sein Ausmaß in Gänze zu begreifen. Vergangenen Winter gab es eine Reihe von Tagen, an denen es 15 bis 21 Grad Celsius wärmer war als normalerweise. So wurde der Nordpol erwärmt. Das brachte auch den Dauerfrostboden zum Tauen, der den Saatguttresor in Spitzbergen, Norwegen, umschließt. In dem Tresor lagern Samen aus aller Welt. Er trägt den Spitznamen „Weltgericht“ und soll sicherstellen, dass die Landwirtschaft des Planeten jede Katastrophe überleben könnte. Durch das teilweise Auftauen des Frostbodens lief nun Wasser in die Saatlager – nur zehn Jahre nach seiner Einrichtung bedrohte ihn also der Klimawandel.

Dem „Weltgericht“-Tresor geht es inzwischen wieder gut: Die Anlage wurde gesichert, die Samen auch. Der Vorfall wurde als Parabel darauf gewertet, dass es zu Überschwemmungen kommen werde. Dadurch geriet Entscheidendes aus den Augen: Bis vor kurzem stellte der Permafrost keine Hauptsorge der Klimawissenschaftler dar. Der arktische Boden enthält aber 1,8 Billionen Tonnen Kohlenstoff – mehr als doppelt so viel, wie sich gegenwärtig in der Erdatmosphäre befindet. Wenn dieser freigesetzt wird, könnte er in Gestalt von Methan verdampfen. Dieses ist als Treibhausgas-Anheizer um ein Vielfaches wirksamer als Kohlendioxid – und zwar 34 Mal so groß.

Vielleicht wissen Sie das bereits. Jeden Tag hört man alarmierende Geschichten. Etwa vor ein paar Monaten, als Satellitendaten belegten, dass die Erde sich seit 1998 doppelt so schnell erhitzt hat, wie die Wissenschaftler gedacht hatten. Oder die Nachrichten aus der Antarktis, als im Mai ein Riss in einem Eisschelf in sechs Tagen um fast 18 Kilometer anwuchs. Inzwischen hat sich das Bruchstück ganz gelöst und verstört die Menschen. Denn die abgebrochene Scholle Larsen C ist 175 Kilometer lang und 50 Kilometer breit. Sie treibt nun als einer der größten Eisberge aller Zeiten im offenen Meer.

Mangel an Vorstellungskraft

Ganz egal, wie gut informiert Sie sind, ausreichend alarmiert sind Sie nicht. Im Laufe der vergangenen Jahrzehnte ist unsere Kultur mit Zombie-Filmen und Mad-Max-Dystopien immer apokalyptischer geworden. Wenn wir aber die ganz realen Gefahren der Erderhitzung betrachten sollen, leiden wir an einem unglaublichen Mangel an Vorstellungskraft. Einer der Gründe dafür ist die zaghafte Sprache wissenschaftlicher Wahrscheinlichkeiten. Der Klimatologe James Hansen kritisiert diese „wissenschaftliche Introvertiertheit“. Er findet, dass Wissenschaftler sie ihre eigenen Beobachtungen so penibel und gewissenhaft betreiben, dass sie nicht mehr deutlich machen können, wie groß die Gefahr wirklich ist. Hansen klagt an, dass uns eine Gruppe von Technokraten regiert, die glauben, jedes Problem könne gelöst werden. Hansen zeigt auf die schiere Geschwindigkeit des Klimawandels – und seine gleichzeitige Langsamkeit, da wir immer nur die Auswirkungen sehen, die sich bereits seit Jahrzehnten anbahnen. Unsere Unsicherheit über die Unsicherheit, die uns der Klima-Autorin Naomi Oreskes zufolge davon abhält, uns auf irgendetwas Schlimmeres als einen statistischen Mittelwert vorzubereiten. Die Geringfügigkeit (zwei Grad Celsius), die Größe (1,8 Billionen Tonnen) und die Abstraktheit (400 Teilchen pro eine Million) der Zahlen. Das Unbehagen, über ein Problem nachzudenken, das nur sehr schwer, wenn nicht unmöglich zu lösen ist. Und ganz einfach: die Angst.

Zwischen der Zurückhaltung der Wissenschaftler und den Zuspitzungen der Science-Fiction liegt die Wissenschaft selbst. Dieser Text ist das Ergebnis von Dutzenden Interviews mit Klimatologen und Wissenschaftlern. Er berücksichtigt Hunderte Studien und Aufsätze zum Klimawandel. Was Sie hier lesen, ist – nach bestem Wissen und Gewissen – eine Darstellung, worauf unser Planet zusteuert, wenn wir nicht aggressive gegensteuern. Es ist unwahrscheinlich, dass alle Szenarien vollständig eintreten werden. Vor allem weil die absehbaren Zerstörungen uns aus jeder Bequemlichkeit reißen werden. Dennoch: die Szenarien sind die Zukunft, nicht das heutige Klima. Dabei ist die Gegenwart des Klimawandels erschreckend genug. Die meisten Leute denken, Miami und Bangladesch hätten noch eine Chance. Viele Wissenschaftler, mit denen ich gesprochen habe, gehen aber davon aus, dass wir diese Städte noch vor Ende des Jahrhunderts verlieren werden – selbst wenn wir sofort aufhören, fossile Brennstoffe zu verbrennen.

Zwei Grad Erhitzung galten bisher als die Grenze der Katastrophe: Das wird Millionen von Klimaflüchtlingen erzeugen, die auf eine unvorbereitete Welt treffen werden. Nun sind zwei Grad dem Pariser Klimaabkommen zufolge unser Ziel, und Experten geben uns nur eine geringe Chance, es überhaupt zu erreichen. Das UN Intergovernmental Panel on Climate Change veröffentlicht dazu regelmäßig Berichte. Der jüngste geht davon aus, dass wir zu Beginn des nächsten Jahrhunderts bereits bei vier Grad angelangt sein werden, wenn wir weitermachen wie bisher. Und selbst das ist nur eine mittlere Schätzung.

Am oberen Ende der Wahrscheinlichkeitskurve liegen acht Grad – und die Autoren wissen noch gar nicht, wie sie mit der Schmelze des Permafrosts umgehen sollen. Der Bericht des IPCC vernachlässigt auch weitere Effekte, die die Erhitzung beschleunigen könnten. Als die Erdtemperatur das letzte Mal um vier Grad anstieg, stiegen die Meeresspiegel um mehrere hundert Fuß.

Die Erde hat vor dem, was wir gerade durchleben, bereits fünf Mal ein großes Aussterben erlebt – jedes von ihnen hat den evolutionären Bestand so komplett ausradiert, dass es wirkte, als sei die Uhr des Planeten zurückgesetzt worden. In der Schule haben Sie wahrscheinlich gelernt, dass diese Massenaussterben das Resultat von Asteroiden waren. Tatsächlich handelte es sich aber bei allen, bis auf jenes, bei dem die Dinosaurier ausgelöscht wurden, um das Resultat von Klimawandel, der durch Treibhausgase verursacht wurde.

Das berüchtigtste ereignete sich vor 252 Millionen Jahren. Es begann, als Kohlendioxid den Planeten um fünf Grad aufgeheizt hatte, beschleunigte sich, als die Erhitzung dazu führte, dass in der Arktis gebundenes Methan freigesetzt wurde, und endete damit, dass 97 Prozent allen Lebens auf der Erde ausgelöscht wurden. Wir aber geben zurzeit wesentlich schneller Kohlendioxid in die Atmosphäre ab.

Diese Fakten hatte Stephen Hawking im Kopf, als er bemerkte, die Menschheit müsse im Laufe des nächsten Jahrhunderts andere Planeten kolonisieren, wenn sie überleben wolle. Und diese Fakten veranlassten Elon Musk vergangenen Monat dazu, seine Pläne für den Bau eines Mars-Habitats zu veröffentlichen, das in 40 bis 100 Jahren entstehen soll. Diese Leute sind natürlich keine Klima-Experten, sie sind wohl wie Sie und ich von irrationaler Panik ergriffen. Doch auch viele nüchterne Wissenschaftler, die ich interviewt habe, sind im Stillen zu apokalyptischen Schlussfolgerungen gekommen: Kein plausibles Programm zur Reduzierung von Emissionen ist allein in der Lage, eine Klimakatastrophe zu verhindern.

Im Laufe der vergangenen Jahrzehnte ist der Begriff „Anthropozän“ aus dem wissenschaftlichen Diskurs in die öffentliche Vorstellung gelangt – ein Name für das geologische Zeitalter, in dem wir leben, und eine Form, es als eine neue Ära zu kennzeichnen, die durch den Eingriff des Menschen charakterisiert ist. Ein Problem des Begriffs ist, dass er eine Eroberung der Natur impliziert. Und selbst wenn man einsieht, dass wir die natürliche Welt bereits unwiederbringlich verwüstet haben, ist es noch einmal etwas anderes, dass wir das Ganze nur provoziert haben, indem wir zunächst aus Unwissenheit und dann, weil wir es nicht wahrhaben wollten, ein Klimasystem geschaffen haben, das jetzt für viele Jahrhunderte gegen uns „in den Krieg ziehen“ wird, um uns am Ende vielleicht zu vernichten.

Wallace Smith Broecker, der onkelhafte Meeresforscher, der den Begriff „Erderwärmung“ geprägt hat, spricht von dem Planeten als „wütender Bestie“. Man könnte ihn aber auch als „Kriegsmaschine“ bezeichnen, die wir jeden Tag weiter aufrüsten.

Von innen gekocht

Wie alle Säugetiere sind auch Menschen Wärmekraftmaschinen. Zu überleben bedeutet für sie, sich ständig abkühlen zu müssen – wie hechelnde Hunde. Damit das möglich ist, muss die Temperatur so niedrig sein, dass die Luft als eine Art Kühlung fungieren kann, die Hitze von der Haut abzieht, damit der Motor weiterlaufen kann. Bei einer Erderwärmung von sieben Grad würde das für weite Teile des Äquatorbandes und insbesondere für die Tropen, wo die Feuchtigkeit die Sache noch zusätzlich erschwert, unmöglich werden.

In den Regenwäldern Costa Ricas, wo die Feuchtigkeit regelmäßig bei über 90 Prozent liegt, wäre es tödlich, sich einfach nur draußen zu bewegen, wenn das Thermometer über 40,5 Grad Celsius anzeigt. Innerhalb weniger Stunden würde ein menschlicher Körper sowohl von außen als auch von innen zu Tode gekocht werden.

Klimawandelskeptiker weisen gern darauf hin, dass der Planet sich schon oft erhitzt und wieder abgekühlt habe. Doch das klimatische Fenster, das menschliches Leben auf der Erde überhaupt ermöglicht, ist sehr klein. Bei einem Temperaturanstieg von elf oder zwölf Grad würde über die Hälfte der Weltbevölkerung, wie sie sich heute über den Planeten verteilt, durch direkte Hitzeeinwirkung sterben. Es lässt sich mit Sicherheit sagen, dass es in diesem Jahrhundert noch nicht so weit kommen wird, auch wenn unverminderte Emissionen uns schließlich dahin bringen sollten.

Noch in diesem Jahrhundert wird aber die Schmerzgrenze an bestimmten Punkten, insbesondere in den Tropen, sehr viel früher erreicht sein als bei einem Anstieg um sieben Grad. Der entscheidende Faktor ist die sogenannte Kühlgrenztemperatur, die als Feuchtkugeltemperatur gemessen wird. Dabei handelt es sich um eine Methode, die sich nicht nur nach Experimentierkasten anhört, sondern auch so bestimmt wird: Es geht um die Temperatur, die auf einem in eine feuchte Socke gewickelten Thermometer gemessen wird, das in der Luft hin und her geschüttelt wird (da die Feuchtigkeit aus einer Socke in trockener Luft wesentlich schneller verdampft, spiegelt diese Kennzahl sowohl Hitze als auch Feuchtigkeit). Gegenwärtig erreichen die meisten Regionen eine Kühlgrenztemperatur von 26 oder 27 Grad Celsius; die rote Linie für den Menschen liegt bei 35 Grad. Der sogenannte Hitzestress stellt sich aber wesentlich früher ein.

Tatsächlich haben wir diesen Punkt bereits erreicht. Seit 1980 hat der Planet eine 50-fache Zunahme an Orten verzeichnet, die gefährlich oder extrem heiße Temperaturen verzeichnen, und die Zahl wird noch stärker zunehmen. In Europa traten die fünf wärmsten Sommer seit dem Jahr 1500 alle seit 2002 auf. Und schon bald, so warnt das IPCC, wird es in weiten Teilen des Erdballs ungesund sein, sich zu dieser Jahreszeit draußen aufzuhalten.

Selbst wenn wir die Klimaziele von Paris mit einem Temperaturanstieg von zwei Grad einhalten, werden Städte wie Karatschi und Kalkutta fast unbewohnbar werden und in jedem Jahr tödliche Hitzewellen wie 2015 erleben. Bei vier Grad Erderwärmung wird die europäische Hitzewelle von 2003, der bis zu 2.000 Menschen an einem einzelnen Tag zum Opfer fielen, zur sommerlichen Normalität werden.

Joseph Romm hat das in seiner richtungsweisenden Einführung auf den Punkt gebracht: Die Hitzebelastung in New York City wäre dann schlimmer als die, die heute in Bahrain herrscht – an einem der heißesten Orte der Welt. In Bahrain würde die gestiegene Temperatur dabei selbst bei schlafenden Menschen eine Hyperthermie auslösen. In der Tat wird die Krise im Nahen und Mittleren Osten sowie am Persischen Golf am dramatischsten ausfallen, wo der Hitzeindex bereits 2015 Temperaturen von 72,7 Grad Celsius registriert hat. Schon in einigen Jahrzehnten wird die Hadsch den zwei Millionen Muslimen, die die Pilgerfahrt jedes Jahr unternehmen, körperlich schlicht unmöglich werden.

Aber die Hitze bringt Menschen bereits heute um. In der Zuckerrohr-Region von El Salvador leidet ein Fünftel der Bevölkerung an einer chronischen Nierenerkrankung, bei den Männern ist es über ein Viertel. Man geht davon aus, dass es sich um die Folge der Dehydrierung handelt, die die Menschen durch Arbeit auf den Feldern erleiden. Noch vor zwei Jahrzehnten konnten sie die Felder problemlos abernten. Patienten mit Nierenversagen haben mit einer teuren Dialyse eine Lebenserwartung von fünf Jahren. Ohne nur ein paar Wochen.

Klimata sind unterschiedlich und Pflanzen variieren, doch die Grundregel für die wichtigsten Getreidesorten besagt, dass die Erträge bei jedem Temperaturanstieg um ein Grad über die optimale Wachstumstemperatur um zehn Prozent zurückgehen. Manche Schätzungen sprechen sogar von 15 bis 17 Prozent. Das bedeutet, dass wir, wenn der Planet am Ende des Jahrhunderts um fünf Grad wärmer ist, 50 Prozent mehr Menschen zu ernähren und gleichzeitig 50 Prozent weniger Getreide zur Verfügung haben könnten. Um die Proteine ist es noch schlechter bestellt: Es braucht 16 Kalorien an Getreide, um nur eine einzige Kalorie an Burger-Fleisch zu produzieren, das von Kühen stammt, die ihr Leben lang das Klima mit Methan-Abgasen belastet haben.

Optimistische Pflanzenkundler werden darauf hinweisen, dass diese Berechnungen nur auf die Regionen zutreffen, die die optimale Wachstumstemperatur bereits erreicht haben, und sie haben recht – theoretisch erleichtert ein wärmeres Klima den Anbau von Getreide in Grönland. Doch wie die wegweisende Arbeit von Rosamond Naylor und David Battisti zeigt, sind die Tropen bereits heute zu heiß, um dort in wirtschaftlicher Weise Getreide anzubauen. Und an anderen Orten, wo Getreide heute angebaut wird, herrscht bereits die optimale Anbautemperatur – was bedeutet, dass hier selbst ein geringfügiger Temperaturanstieg die Produktivität verringern würde.

Außerdem lässt sich Ackerland nicht leicht ein paar hundert Kilometer nach Norden transportieren. Die Erträge in entlegenen Ecken Kanadas und Russlands sind durch die Qualität der dortigen Böden begrenzt. Die Erde braucht viele Jahrhunderte, um Böden mit einer hohen Fruchtbarkeit hervorzubringen.

Dürre könnte ein noch größeres Problem darstellen als Hitze, wenn sich Teile des anbaufähigen Landes schnell in Wüste verwandeln. Niederschläge lassen sich schwer vorhersagen, aber die Prognosen für das Ende des Jahrhunderts sind wenig ermutigend: noch nie da gewesene Dürren überall dort, wo heute Lebensmittel produziert werden. Wenn die Emissionen nicht dramatisch reduziert werden, wird Südeuropa im Jahr 2080 mit einer permanenten Dürre leben müssen, die schlimmer sein wird, als das Trockengebiet in Amerika je war.

Man darf nicht vergessen, dass wir schon heute weit davon entfernt sind, in einer Welt ohne Hunger zu leben. Schätzungen beziffern die Zahl der Unterernährten auf weltweit 800 Millionen. Seit dem Frühjahr herrschen in vier Ländern Afrikas und des Nahen Ostens Hungersnöte. Darüber hinaus haben die Vereinten Nationen gewarnt, dass allein in diesem Jahr in Somalia, dem Südsudan, Nigeria und Jemen 20 Millionen Menschen an den Folgen von Unterernährung und Hunger sterben könnten.

Blindes Immunsystem

Gesteine sind Archive der Geschichte des Planeten – von Epochen, die Millionen von Jahren umfassen können, und von den Kräften der geologischen Zeit zu Schichten von nur einigen, einem oder noch weniger Zentimetern gepresst wurden. Das Eis stellt ebenso eine Art Klimabilanzbuch dar, eine gefrorene Geschichte, die durch Auftauen teilweise wiederbelebt werden kann. Im arktischen Eis stecken Krankheiten, die seit Millionen Jahren nicht mehr in der Luft zirkulieren – einige davon gingen schon um, bevor es Menschen gab, die ihnen hätten ausgesetzt sein können. Das bedeutet, dass unser Immunsystem keine Ahnung hätte, wie es diese prähistorischen Krankheiten abwehren sollte, sollten sie wieder freigesetzt werden.

In der Arktis sind aber auch furchterregende Keime aus jüngerer Zeit gespeichert. In Alaska haben Forscher bereits Überreste der Grippe von 1918 gefunden, mit der sich 500 Millionen Menschen infizierten und die bis zu 100 Millionen Menschen das Leben kostete – das waren fünf Prozent der Weltbevölkerung und beinahe sechsmal so viel wie im Ersten Weltkrieg umgekommen sind, dessen grauenhaften Höhepunkt die Grippe in gewisser Weise darstellte. Im Mai berichtete die BBC, Wissenschaftler vermuteten auch die Pocken und die Beulenpest im sibirischen Eis – eine gekürzte Geschichte der verheerenden menschlichen Krankheiten.

Hinzu kommt die Gefahr von Luft, die man nicht atmen kann. Unsere Lungen brauchen Sauerstoff. Doch dieser stellt nur einen Bruchteil dessen dar, was wir einatmen. So steigt etwa der Anteil des Kohlendioxids in der Luft. Gerade ist er über 400 Teilchen pro Million (ppm) gestiegen. Schätzungen auf Grundlage gegenwärtiger Trends legen nahe, dass es bis zum Ende des Jahrhunderts 1.000 ppm sein werden. Diese Konzentration würde, im Vergleich zur Luft, die wir heute atmen, zu einem Rückgang der kognitiven Fähigkeiten der Menschen um 21 Prozent führen.

Andere Bestandteile der heißeren Luft sind noch furchteinflößender. Schon ein geringer Anstieg der Luftverschmutztung kann die menschliche Lebensdauer um ein Jahrzehnt verkürzen. Je wärmer der Planet wird, desto mehr Ozon bildet sich. Bis Mitte des Jahrhunderts werden die Amerikaner laut Prognosen des National Center for Athmospheric Research wohl von einem Anstieg des ungesunden Ozonsmogs um 70 Prozent betroffen sein. Bis zum Jahr 2090 werden bis zu zwei Milliarden Menschen weltweit Luft atmen, in der die als „sicher“ geltenden Grenzwerte der WHO überschritten werden.

Eine jüngst dazu erschienene Studie hat gezeigt, dass das Risiko eines Kindes, an Autismus zu erkranken, steigt, wenn die Mutter in der Schwangerschaft Ozon ausgesetzt war – was einen noch mal neu über die Autismusepidemie in Westhollywood nachdenken lässt.

Und bereits heute sterben mehr als 10.000 Menschen im Jahr durch kleine Partikel, die durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe ausgestoßen werden. Jedes Jahr kommen 339.000 Menschen durch den Rauch von Wildfeuern um. Teils liegt dies daran, dass der Klimawandel eine Verlängerung der Waldbrandsaison verursacht hat (in den USA im Schnitt um 78 Tage seit 1970). Der US Forest Service geht zudem davon aus, dass Wildfeuer im Jahr 2050 doppelt so zerstörerisch sein werden wie heute. An einigen Orten könnte die verbrannte Fläche das Fünffache betragen.

Für die meisten Menschen aber noch besorgniserregender sind die Auswirkungen, die dies auf die Emissionen hätte – insbesondere, wenn die Feuer in Wäldern wüten, die auf Torfböden wachsen. Feuer, die 1997 auf indonesischem Torfland brannten, erhöhten den weltweiten Co2-Ausstoß um bis zu 40 Prozent. Und mehr Brände bedeuten mehr Erwärmung, die wiederum mehr Brände bedeutet.

Des Weiteren besteht die Möglichkeit, dass ein Regenwald wie der Amazonas, der 2010 die zweite „Jahrhundertdürre“ in fünf Jahren erlitten hat, so weit austrocknen könnte, dass auch er anfällig für verheerende Waldbrände würde. Diese wiederum würde nicht nur enorme Mengen Kohlenstoff in die Atmosphäre freisetzen, sondern auch die Fläche des Waldes schrumpfen lassen. Letzteres wäre besonders schlimm, weil der Amazonas allein 20 Prozent unseres Sauerstoffs produziert.

Klimatologen äußern sich nur vorsichtig zu aktuellen Kriegen, so zum Beispiel auch zum Thema Syrien. Sie wollen verstanden wissen, dass der Klimawandel zwar zu einer Dürre geführt hat, die zum Bürgerkrieg beigetragen hat, es aber nicht angemessen wäre, den Konflikt als Resultat der Erderwärmung zu bezeichnen. Das Nachbarland Libanon etwa litt unter den gleichen Ernteausfällen. Allerdings ist es Forschern wie Marshall Burke und Solomon Hsiang gelungen, einige der nicht unbedingt auf der Hand liegenden Zusammenhänge zwischen Temperatur und Gewalt zu beziffern: Sie sagen, jede Erwärmung um ein halbes Grad erhöhe die Wahrscheinlichkeit eines bewaffneten Konflikts um 10 bis 20 Prozent.

Der fossile Kapitalismus

Nichts ist einfach in der Klimaforschung, diese Rechnung ist aber besonders erschütternd: Ein fünf Grad wärmerer Planet würde mindestens noch einmal die Hälfte mehr Kriege bedeuten wie heute. Insgesamt würden sich die sozialen Konflikte in diesem Jahrhundert mehr als verdoppeln.

So ziemlich jeder Klimaforscher, mit dem ich gesprochen habe, hat mich darauf hingewiesen, dies sei einer der Gründe dafür, dass das US-Militär vom Klimawandel geradezu besessen sei. Der Untergang aller Stützpunkte der US-Marine durch den Anstieg der Meeresspiegel ist schlimm genug. Hinzu tritt die Gefahr einer unüberschaubaren Menge an Konflikten. Natürlich ist Syrien nicht der einzige Ort, an dem der Klimawandel zur Entstehung eines Konflikts beigetragen hat. Einige spekulieren, in den vermehrten Auseinandersetzungen, zu denen es in den vergangenen Jahrzehnten im Nahen Osten gekommen ist, schlage sich auch der Druck durch die Erderwärmung nieder – diese Vorstellung wird umso grausamer, wenn man bedenkt, dass die Erderwärmung an Fahrt aufnahm, als die industrialisierte Welt begann, das Öl der Region zu fördern und zu verbrennen.

Das zwischen dem Ende des Kalten Kriegs und dem Einsetzen der Großen Rezession vorherrschende Mantra des Neoliberalismus lautete, Wirtschaftswachstum würde uns vor allem schützen. Doch nach dem Crash von 2008 behaupten immer mehr Historiker, die sich mit dem sogenannten fossilen Kapitalismus befassen, die gesamte Geschichte des rasanten wirtschaftlichen Wachstums, das ziemlich plötzlich im 18. Jahrhundert einsetzte, sei nicht das Ergebnis von Innovationen oder Handel oder der Dynamik des globalen Kapitalismus, sondern einfach der Entdeckung fossiler Brennstoffe und deren schierer Macht geschuldet – eine einmalige Injektion neuen Wertes in ein System, das zuvor weltweit von Subsistenzwirtschaft geprägt war. Vor den fossilen Brennstoffen lebte niemand besser als seine Eltern oder Großeltern oder Vorfahren 500 Jahre vorher – eine Ausnahme bildete die Zeit unmittelbar nach großen Pestepidemien, die den glücklichen Überlebenden erlaubten, die Ressourcen zu verbrauchen, die von Massengräbern freigesetzt wurden. Die Forscher meinen, wenn alle fossilen Brennstoffe verbrannt seien, würden wir vielleicht zu einer globalen stationären Ökonomie zurückkehren. Die einmalige Injektion hätte dann allerdings verheerende Langzeitkosten: den Klimawandel.

Die spannendsten Forschungsergebnisse zur Ökonomie der Erderwärmung stammen ebenfalls von Solomon Hsiang und seinen Kollegen. Diese sind zwar keine Historiker des fossilen Kapitalismus, haben aber einige äußert düstere Analysen zu bieten: Jedes Grad Celsius Erderwämung kostet durchschnittlich 1,2 Prozent des Bruttoinlandsproduktes, sagen sie. Ihre mittlere Schätzung liegt bei einem weltweiten Einkommensverlust von 23 Prozent pro Kopf gegen Ende des Jahrhunderts. (Dieser Verlust resultiert aus Veränderungen in der Landwirtschaft, steigender Kriminalität, Stürmen, Energieknappheit und einer erhöhten Sterblichkeit.)

Eine ökonomische Schuld?

Das Ausmaß dieser wirtschaftlichen Zerstörung lässt sich nur schwer begreifen. Man könnte damit anfangen, dass man sich vorstellt, wie die Welt heute aussähe, wenn die Wirtschaft nur halb so groß wäre, nur halb so viel Wert schaffen und nur die Hälfte dessen hervorbringen würde, was sie den Arbeitern der Welt heute zu bieten hat. Und es lässt die Idee, staatliche Maßnahmen zur Reduzierung der Emissionen zu streichen und sich ausschließlich darauf zu verlassen, dass Wachstum und Technik das Problem schon lösen werden, als absurde Idee erscheinen. Immerhin kostet jedes Hin- und Rückflug-Ticket für Flüge von New York nach London die Arktis weitere drei Quadratmeter Eis.

Aber warum können wir es nicht sehen? In seinem jüngst erschienenen Essay The Great Derangement (Die große Umnachtung) fragt sich der indische Autor Amitav Ghosh, warum Erderwärmung und Naturkatastrophen nicht zu den großen Themen der zeitgenössischen Literatur gehören — warum wir nicht imstande sind, uns die Klimakatastrophe vorzustellen. Und warum es bislang nicht zu einer Flut von Romanen aus jenem Genre gekommen ist, das er sich als „Umweltgrusel“ vorstellt. „Nehmen Sie zum Beispiel die Geschichten, die sich um Fragen drehen wie: Wo waren Sie, als die Berliner Mauer gefallen ist? Oder: Wo waren Sie am 11. September 2001?“, schreibt Ghosh. „Wird es jemals möglich sein, in gleicher Weise zu fragen: Wo waren Sie bei 400 ppm? Oder: Wo waren Sie, als damals das Larsen-B-Eisschelf auseinanderbrach?“

Wahrscheinlich nicht, lautet Ghoshs Antwort. Denn die Dilemmata und Dramen des Klimawandels seien schlicht unvereinbar mit der Sorte Geschichten, die wir uns über uns selbst erzählen – vor allem in Romanen, in denen eher Entwicklungen eines individuellen Bewusstseins beschrieben werden als der giftige Hauch eines sozialen Schicksals.

Sicher wird diese Blindheit aber nicht von Dauer bleiben – die Welt, die wir bewohnen werden, wird dies nicht zulassen. In einer um sechs Grad wärmeren Welt wird das Ökosystem des Planeten dermaßen überkochen vor Naturkatastrophen, dass wir diese nur noch als „Wetter“ bezeichnen werden: eine permanente Abfolge von unkontrollierbaren Taifunen, Tornados, Überschwemmungen, Dürren. Unser Planet wird regelmäßig von Klima‑Ereignissen heimgesucht werden, die vor nicht allzu langer Zeit ganze Zivilisationen zerstörten. Es wird viel häufiger Hurrikans geben, die so stark sein werden, dass wir neue Kategorien zu ihrer Beschreibung erfinden müssen. Länge und Ausmaße von Tornados werden wachsen, und sie werden viel häufiger auftreten. Auch Hagelkörner werden um ein Vielfaches größer sein.

Viele Leute stellen sich den Klimawandel als eine Art moralische und ökonomische Schuld vor, die sich seit dem Anfang der industriellen Revolution angesammelt hat und nun nach mehreren Jahrhunderten fällig wird – diese Perspektive ist auf eine Art hilfreich, sind es doch die Kohlenstoffverbrennungsprozesse, die im England des 18. Jahrhunderts ihren Anfang nahmen, die die Lunte für alles Spätere gelegt haben.

Innerhalb einer Generation

Sie verstellt aber den Blick auf die Bedeutung der vergangenen Jahrzehnte. Über die Hälfte des Kohlenstoffs, den die Menschheit in ihrer Geschichte in die Atmosphäre geblasen hat, wurde in den vergangenen drei Jahrzehnten ausgestoßen. 85 Prozent des gesamten Kohlenstoffausstoßes durch Menschen geschah in der Periode nach dem Zweiten Weltkrieg. Das bedeutet, dass die Erderwärmung uns binnen einer einzigen Generation an den Rand der Katastrophe geführt hat. Die Geschichte der Kamikaze-Mission der industrialisierten Welt ist die einer einzigen Lebensspanne.

Einige der Männer, die erstmals Veränderungen des Klimas festgestellt haben, leben heute noch. Einige arbeiten sogar noch. Wally Broecker ist 84 Jahre alt und fährt jeden Tag von der New Yorker Upper West Side zur Arbeit in das Lamont-Doherty Earth Observatory auf der anderen Seite des Hudson. Wie viele derjenigen, die zuerst die Alarmglocken läuteten, ist er der Ansicht, dass keine Reduzierung der Emissionsmengen allein dazu beitragen kann, die Katastrophe zu verhindern. Er setzt vielmehr auf Kohlenstoffrückhaltung – dabei handelt es sich um bislang unerprobte Technologien zum Extrahieren von Kohlendioxid aus der Atmosphäre. Die Kosten, schätzt Broecker, würden sich mindestens auf mehrere Billionen Dollar belaufen.

Außerdem hofft er auf verschiedene Formen des Geoengineering – ein Sammelbegriff für eine Vielzahl ambitionierter Technologien, die teils so weit hergeholt sind, dass viele Klimaforscher sie als Science-Fiction-Träume betrachten.

Broecker konzentriert sich dabei vor allen auf den sogenannten Aerosol-Ansatz. Dabei würde Schwefeldioxid in die Atmosphäre gegeben, das sich in Schwefelsäure umwandeln, dann ein Fünftel des Horizonts verschleiern und somit zwei Prozent der Sonnenstrahlen zurückwerfen würde. Damit würde man dem Planeten zumindest in Hinblick auf die Hitze ein bisschen Spielraum verschaffen, meint Broecker.

„Natürlich würde das unsere Sonnenuntergänge sehr rot machen, den Himmel bleichen und für mehr sauren Regen sorgen“, sagt er. „Man muss aber das gesamte Ausmaß des Problems berücksichtigen. Man kann nicht sagen, das große Problem soll nicht gelöst werden, weil die Lösung ein paar kleinere Probleme verursachen würde.“ Er selbst würde das wohl nicht mehr erleben, sagt er mir: „Aber Sie …“

Mehrere der Wissenschaftler, mit denen ich gesprochen habe, schlugen die Erderwärmung als Lösung des berühmten Fermi-Paradoxons vor. Dieses stellt die Frage, warum wir noch keinen anderen intelligenten Lebensformen begegnet sind, wenn das Universum doch so riesig ist. Die Antwort lautet, dass die Lebensspanne einer Zivilisation möglicherweise nur ein paar tausend Jahre betrage, die einer industrialisierten Zivilisation vielleicht nur ein paar hundert. In einem Universum, das Milliarden Jahre alt sei und dessen Sternensysteme ebenso durch Zeit wie durch Raum getrennt sind, könnten Zivilisationen einfach zu schnell aufkommen, sich entwickeln und verglühen, um einander zu finden.

Peter Ward, ein charismatischer Paläontologe, der zu denjenigen zählte, die entdeckten, dass die Massensterben auf der Erde von Treibhausgasen verursacht wurden, nennt dies den „Großen Filter“: „Zivilisationen steigen auf. Ein Umweltfilter sorgt aber dafür, dass sie recht schnell wieder sterben und verschwinden“, erklärte er mir. „Schaut man sich den Planeten Erde an, stellten in der Vergangenheit die Massenextinktionen diesen Filterprozess dar.“ Das Massenaussterben, das wir momentan durchlebten, habe aber gerade erst begonnen. Es werde noch zu einem sehr viel größeren Sterben kommen.

Die Wissenschaftler wissen: Nur um die Ziele von Paris im Jahr 2050 zu erreichen, müssten die gegenwärtig weiterhin steigenden Kohlenstoffemissionen aus Strom- und Energieerzeugung sowie industrieller Produktion pro Jahrzehnt um die Hälfte reduziert werden. Die Emissionen der Landwirtschaft müssten komplett auf null heruntergefahren werden, und wir müssten Technologien entwickeln, um jährlich zweimal so viel Kohlenstoff aus der Atmosphäre zu ziehen, wie alle Pflanzen des Planeten es gegenwärtig zusammen tun.

Trotz alldem sind die Wissenschaftler im Großen und Ganzen sehr zuversichtlich, was den Einfallsreichtum der Menschen betrifft – vielleicht nicht zuletzt aus ihrem Verständnis des Klimawandels heraus, der schließlich auch eine Erfindung der Menschen ist. Wenn wir erst erkennen würden, welche Welt wir geschaffen hätten, würden wir auch einen Weg finden, sie weiterhin bewohnbar zu halten, glauben sie. Etwas anderes können sie sich schlicht und einfach nicht vorstellen.

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David Wallace-Wells ist Redakteur des New York Magazine

Übersetzung: Zilla Hofman/Holger Hutt

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Klimakrise durch Fliegen und Verkehr

Klimafaktor Reisen

Öfter, weniger lange, weiter weg – so lässt sich das Reiseverhalten der letzten Jahre der Bevölkerung Österreichs und in Europa beschreiben. In Bezug auf die Klimaerhitzung sind das beunruhigende Entwicklungen, denn die verkehrsbedingten Emissionen im Tourismus stiegen bis Anfang 2020 stetig an.

Wenn die Klimaerhitzung unter zwei Grad bleiben soll, darf der Flugverkehr das Niveau vor der Covid-19-Pandemie nicht mehr erreichen.

Der Reiseverkehr hat in den vergangenen Jahrzehnten stark zugenommen. Sowohl Flugreisen, als auch Kreuzschifffahrten erlebten bis zum Jahr 2019 einen regelrechten Boom. Der ökologische Fußabdruck der Reisen hat sich zunehmend verschlechtert. Um die Klimakrise erfolgreich bewältigen zu können, muss auch die Umweltbilanz des Reisens stark verbessert werden. Auch wenn zukünftige Entwicklungen immer mit einem Fragezeichen zu versehen sind, eine Aussage kann schon heute klar getroffen werden: Das Ziel, die globale Erderhitzung auf höchstens 1,5 Grad zu begrenzen, ist nur erreichbar, wenn Flugverkehr und Kreuzschifffahrt zukünftig nicht mehr auf das Niveau von vor der Covid-19-Pandemie ansteigen.

Reisen nimmt, zumindest für Teile der Gesellschaft, schon seit Jahrhunderten einen bedeutenden Stellenwert ein. Die Reisemuster haben sich über die Zeit global verbreitet und dabei stark ihre Erscheinungsformen verändert. Gleichzeitig bildeten sich hoch spezialisierte Zentren der Tourismuswirtschaft heraus, wie etwa Österreich.

Das Reiseverhalten befindet sich im steten Wandel und wird von gesellschaftlichen, technologischen, ökonomischen und ökologischen Entwicklungen beeinflusst. Bis zur Covid-19- Pandemie zu Beginn des Jahres 2020 war das Reiseverhalten in Anpassung an die zunehmende Ausdifferenzierung der Gesellschaft immer stärker geprägt von einer steigenden Anzahl an Motiven und Urlaubsformen, unter anderem mit den Attributen individueller, spontaner, billiger, bequemer, sicherer, exotischer, immer stärker erlebnisorientiert, vor allem aber häufiger und dafür kürzere Reisedauer.

Flüge verursachen über 90 Prozent der Treibhausgas-Emissionen einer Urlaubsreise, Autofahrten über 40 Prozent. Die Bahn ist die klimaverträglichste Form der Anreise.

Reisen auf Klimakurs bringen

Doch wie kann das Reisen auf Klimakurs kommen? Dieser Frage geht die VCÖ-Publikation „Klimafaktor Reisen“ auf den Grund. Welche Rahmenbedingungen und Maßnahmen braucht es, damit klimaverträglicheres Reisen mit Bahn und Fahrrad in Zukunft an Bedeutung gewinnt? Die zu geringe Besteuerung von Kerosin und fehlende Ticketabgaben sind ein Wettbewerbsvorteil des klimaschädlichen Flugverkehrs gegenüber Bahnreisen. Bei den grenzüberschreitenden Zugverbindungen gibt es in Europa noch großen Verbesserungsbedarf, damit das Angebot sowohl für Urlaubs- als auch für Dienstreisen attraktiv ist. Die VCÖ-Publikation „Klimafaktor Reisen“ stellt auch Beispiele von Tourismusregionen vor, die die Verkehrsbelastung mit Maßnahmen für eine nachhaltige Mobilität reduziert haben. Auch die Frage, wie die aufgrund des steigenden Klimaschutz-Bewusstseins wachsenden Potenziale für Radurlaubsreisen genutzt werden können, wird beleuchtet.

Klimaverträgliches Reisen und Covid-19-Pandemie

Die VCÖ-Publikation „Klimafaktor Reisen“ zeigt anhand von zahlreichen Grafiken und Daten welche Rahmenbedingungen und Maßnahmen es braucht, damit klimaverträglicheres Reisen mit Bahn und Fahrrad in Zukunft an Bedeutung gewinnt und stellt Beispiele von Tourismusregionen vor, die die Verkehrsbelastung mit Maßnahmen für eine nachhaltige Mobilität reduziert haben.

  Maßnahmen zur Förderung nachhaltigen Reisens

  • National / supranational: Kerosinsteuer einführen, Flugticketabgabe besonders für Kurzstrecken erhöhen, um die Emissionen aus dem Flugverkehr zu reduzieren.
  • Überregional: Anpassung von Streckennetzen, Fahrplänen und Waggonausstattung der Bahn an die touristische Nachfrage durch Direktverbindungen zwischen Quell- und Zielmärkten.
  • Regional: Zusammenarbeit zwischen Destinationen steigert die Attraktivität für Urlaubsreisende beispielsweise über gemeinsame Gästekarten inklusive kostenloser Nutzung des Öffentlichen Verkehrs und Informationen zu Veranstaltungen innerhalb der Region.
  • Lokal: Förderung von bedarfsorientierten öffentlich zugänglichen Verkehrsangeboten sowie aktiver Mobilität sowie Stärkung wichtiger Infrastrukturen wie Geschäfte, Restaurants und Tourismusattraktionen durch autofreie Ortskerne, Innenstädte und Einkaufsstraßen.
  • Information: Verkehrs- und Tourismusangebot vor Ort den Reisenden schon frühzeitig, ansprechend und übersichtlich kommunizieren, denn Mobilitätsentscheidungen fallen schon vor dem Reiseantritt. Mobile Technologien sollen die autofreie, multimodale Mobilität verstärkt einsetzen, einfach abfragbar und bekannt machen.

Das vierseitige VCÖ-Factsheet „Klimakrise nur mit wenig Flugverkehr zu bewältigen“ fasst die wichtigsten Inhalte dieser VCÖ-Publikation zum Thema Flugverkehr auf vier Seiten zusammen und bringt Empfehlungen, wie der Flugverkehr auf ein ökologisch verträgliches Maß begrenzt werden kann. >>> zum VCÖ-Factsheet

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Kurz hat auch einen Sommer

Zitat aus dem heutigen Falter Maily:

Ununterbrochen erforscht der Burgenländer Franz Sommer mit seinem „Institut Marktforschung und Regionalumfragen“ an repräsentativen Gruppen die gemeine Meinung zu Sebastian Kurz und geplanten türkisen Maßnahmen. Aus diesem Hang zur politischen Laufkontrolle macht der Kanzler kein Geheimnis: Als er Anfang April ein allererstes Mal einen Schlüsselanhänger zum Virustracking erwähnte, konnte er schon siegessicher anfügen: „Die Mehrheit der Österreicher befürwortet diese Initiative.“

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Haben wir aus Corona gelernt?

Es scheint: Nein.

Schon wird angekündigt, die Welt wieder mit den Emissionen des Flugverkehrs weiter zu zerstören. Die scheinheiligen Argumente: Arbeitsplätze und Umwegrentabilität durch Tourismus und Manager-Reisen. Shame.

Vor Jahren hab ich einen recht vorausschauenden Text geschrieben, den damals der Burgschauspieler Peter Schratt bei einer Lesung vorgetragen hat:

Im Grunde ändert sich nichts

Und als die Steine rollten, schlossen sie den Höhleneingang,
entfachten das Feuer und beschworen die Geister.
Als alles vorüber war, kamen sie wieder ans Tageslicht
und priesen die Götter.

Und als die Bomben fielen,
krochen sie in die Keller,
entkorkten die letzte Flasche
und beteten leise.
Als der Angriff vorbei war, kamen sie wieder auf die Straße
und lobten die Fliegerabwehr.

Und als sie vom harten Regen hörten,
da wurden sie ängstlich,
wählten eine andere Partei
und hofften auf gleichbleibende Zeiten.
Als der Regen vorbei war, tanzten sie wieder in Diskotheken
und wählten die erfolgreiche Regierung.

Und als der Treibstoff knapp wurde,
da wuchs ihr Groll.
Sie dachten an das Haus im Grünen und forderten Straßenbahn-Nulltarif.
Als dann da Öl wieder rann,
kauften sie ein neues Auto
und priesen das Wirtschaftswachstum.

Und bald, wenn ihr Wirtschaftswunder-Müll,
fast völlig entgiftet und sauber zerkleinert,
in Huhn, in Schwein, in Fisch und Gemüse
ihnen wieder serviert wird,
werden sie die gewohnte Regierung wählen,
ihr Unbehagen in Tabakrauch und Alkohol versenken,
leise beten – und vor der Zeit sterben.

Irmi Novak – Lenikus, 1974

 

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Kurz hat Probleme

Zitat:  Falter

– dem füge ich mit Verlaub ein plattes Sprichwort bei: „Wenns Scheuba nicht gäbe, müsst er erfunden werden!“

Florian Scheuba

Das Drama des begabten Kanzlers

Sebastian Kurz hat ein akutes Problem, dessen Lösung eine Win-win-Situation für alle wäre

Florian Scheuba

Ständig klagen wir über nichtssagende Politiker-Interviews. Aber wenn dann einmal einer wirklich Neues und Unerhörtes erzählt, wird das kaum gewürdigt. So geschehen letzten Sonntag, als Sebastian Kurz in der „Kronen-Zeitung“ enthüllte, er sei „in einer Zeit politisch sozialisiert worden, in der es undenkbar war, dass die Volkspartei stärkste Kraft in Österreich ist“. Angesichts der Tatsache, dass Kurz 2003 ÖVP-Mitglied wurde – zu einer Zeit, wo die Volkspartei nicht nur mit 42,3 Prozent klar stimmstärkste Partei des Landes war, sondern auch den Bundeskanzler stellte –, lässt diese Aussage nur einen Schluss zu: Kurz hat die ÖVP mit einer anderen Partei verwechselt und ist ihr nur irrtümlich beigetreten. Ein Fehler, den er aber nicht eingestehen wollte und stattdessen später darauf bestand, die Partei in „Liste Kurz“ umzubenennen.

Die mangelnde Bekenntnisbereitschaft zu eigenen Missgeschicken zeigte sich auch in der Folge seines Besuchs im Kleinwalsertal. Schon im Vorfeld hatte es Kritik gegeben, weil die besuchte Gemeinde Mittelberg ihren Einwohnern mitteilte: „Die Verantwortlichen freuen sich über eine Beflaggung der Häuserfassaden und auch Bekundungen entlang der Walserstraße.“

Eine Anweisung, die als „Führerkult“ interpretiert wurde, was mir ungerecht er-scheint, zumal die Art der Beflaggung nicht vorgeschrieben war. Piraten-Flaggen, Rapid-Wimpel oder Regenbogen-Fahnen wären genauso möglich gewesen. Falls Berater des Kanzlers mit Letzterer ein Problem gehabt hätten, wäre auch eine Vatikan-Flagge mit Opus-Dei-Wappen eine Option gewesen. Abgesehen davon sind zu Ehren des Kanzlers mittlerweile Tourismusbetriebe in ganz Österreich beflaggt. Nämlich mit rot-weiß-roten Fähnchen mit der Aufschrift „Zimmer frei“.

Probleme der Hochbegabten

Auch die Aufforderung zu Bekundungen entlang der Straße war durchaus ergebnisoffen. Das kann auch ablaufen wie in dem Märchen „Des Kaisers neue Kleider“, wo beim Festumzug des Kaisers ein Kind aus der Menge am Straßenrand ruft: „Der Kaiser ist nackt!“ Genauso hätte im Kleinwalsertal jemand rufen können: „Der Kanzler ist nur ein überschätzter Schnösel!“ Was zum Glück nicht passierte, denn das wäre wohl nicht konsequenzlos geblieben.

Hubert Patterer, der Chefredakteur der „Kleinen Zeitung“, berichtet gleich von mehreren persönlichen Anrufen des Kanzlers an einem Tag, in denen sich dieser über die Berichterstattung zu seinem Kleinwalsertal-Trip beklagte. Das lässt nur einen Schluss zu: Unser Bundeskanzler hat zu viel Tagesfreizeit.

Das ist ja oft das Problem bei Hochbegabten. Sie langweilen sich rasch. Im Nationalrat hatte sich das bei Kurz schon durch Candy-Crush-Spielen geäußert, nun versucht er am Handy es bei heimischen Medien auf das Höchstlevel zu schaffen.

Deshalb mein Tipp an seine Berater: Erzählt ihm doch einmal von den vielen Arbeitslosen, der Tourismus-Krise, der kaputtgesparten Justiz oder der existenzgefährdeten Kultur-Branche. Vielleicht gelingt es ja, sein Interesse zu wecken, und er sieht eine neue Herausforderung darin, gegen all das etwas zu unternehmen. Das wäre eine Win-win-Situation für alle, und Redakteure müssten nicht mehr länger als Telefonseelsorger pfuschen. (Florian Scheuba, 27.5.2020)

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Korruption oder nicht

Recherchen des Falter haben ergeben, dass…

…dass Sektionschef Pilnacek sich nun um seinen halben Job neu bewerben kann, ist nicht nur für Justiz-Insider eine gute Nachricht, sondern auch für die Republik Österreich und die Korruptionsbekämpfung. Sebastian Kurz wird die Entscheidung gar nicht gefallen.

(Details finden sich im neuen Falter gedruckt, aber auch im Podcast „Scheuba fragt nach – bei Alma Zadic)  Außerdem:

(Zitat Falter Maily von Florian Klenk, 27.5.2020: )

Kommende Woche beginnt der Ibiza-Untersuchungsausschuss. Eine der wichtigsten Figuren in dem Kontrollgremium des Nationalrats ist neben Heinz Christian Strache und Johann Gudenus der nahezu unbekannte Novomatic-Eigentümer Johann Graf. Die „Novomatic zahlt alle“, sagte Strache ja. Graf auch?

Der scheue, zum Multimilliardär avancierte Fleischhauersohn hat nicht nur einen Glücksspielkonzern aufgebaut, er spielt auch mit der Republik. Aber hat er dabei die Regeln verletzt? Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Bestechung vor und führte bei Graf eine Razzia durch. Während er fluchte, fand sie bei ihm einige merkwürdige Schenkungsverträge.

Ich habe mir mit einem Novomatic-Insider die Empfänger dieser Verträge noch einmal genauer angesehen. Graf beschenkte nicht nur eine Richterin (seine Großnichte), die zugleich Frau seines Aufsichtsratsvorsitzenden ist und im Kabinett von Innenminister Karl Nehammer saß, sondern auch seine Vorstände.

Und einige Frauen: etwa Barbara Feldmann, ehemalige Abgeordnete der ÖVP in Wien, ehemalige Lebensgefährtin von Ex-Novomatic-Boss Johannes Hahn und ehemalige Aufsichtsrätin des Konzerns. Hahn ist heute EU-Kommissar. Nein, sagt sie, das Geld habe sie ihm nicht weiter gereicht.

Auch die Ehefrau jenes Mannes, der im Wiener „Spielapparatebeirat“ darüber mitentschied, ob Grafs Glücksspielautomaten erlaubt werden, wurde reichlich bedacht. Dieser Beirat wurde vom Obersten Gerichtshof vor einigen Jahren wie eine Hütchenspielerbande bloß gestellt, weil er seiner Kontrollfunktion nicht nachkam. Jetzt kann man erahnen, warum. Ernst Riedl, so heisst Grafs Vertrauensmann, sitzt übrigens im Präsidium des Sozialdemokratischen Wirtschaftsverbandes.

Die dubiosen Schenkungsverträge und der Ausschuss waren jedenfalls Anlass genug, dass ich mein in 13 Jahren fett angewachsenes Novomatic-Akten-Archiv durchblätterte und am Wochenende ein großes Porträt über den exzellent Graf schrieb. Er hat nicht nur eine spannende Lebensgeschichte vorzuweisen, sein Aufstieg und sein Netzwerk sind auch ein österreichisches Sittenbild. Es illustriert wie in Österreich Politik gemacht wird – zum Vorteil einiger weniger. Ihr Florian Klenk

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Kurze Beine

Wie Bundeskanzler Kurz von seinen Lügen ablenkt

(Zitat aus „Falter Maily Nr. 221/21.5.2020)

 

 

„Es sind Daten bewusst gestohlen, verfälscht und verbreitet worden, um uns als Volkspartei zu schaden“, so oft hat Sebastian Kurz diesen Satz im September 2019 gesagt, dass er eigentlich als Wahlslogan zählt. Die vom Falter veröffentlichen Dateien aus der Parteibuchhaltung seien „teilweise manipuliert worden und somit nicht richtig“.

Die Enthüllungen des Falter waren unangenehm: Die ÖVP hatte vor der Nationalratswahl damit kalkuliert, die Wahlkampfkostenobergrenze erneut zu überschreiten. Und die Parteibuchhalter hatten die Kampagne durch kreative Buchungssätze kleingerechnet: Ausgaben von Poloshirts bis Werbevideos zählten plötzlich nicht mehr zu den Wahlkampfkosten.

Der Parteichef erklärte die Dokumente kurzerhand für „teilweise manipuliert“. Was der Falter für Originaldateien aus der Buchhaltung hielt, sei „nicht richtig“, der Veröffentlichungsvorgang ein „Angriff auf die Demokratie“. Die Partei klagte den Falter auf Unterlassung.

Nun, acht Monate später, bekam der Anwalt des Falter Post von der ÖVP. Der Schriftsatz stellt Bemerkenswertes fest: Die „Echtheit der fraglichen Urkunden“ wird „von der klagenden Partei nicht bestritten“. Den vorgelegten Dokumenten wird „die Übereinstimmung mit dem Original zugestanden“. Die Dateien waren also nicht „manipuliert“, wie Sebastian Kurz beharrlich behauptet hatte.

Jenes rhetorische Manöver beherrscht der Mann mit Meisterschaft: Sobald er sich ins Eck gedrängt fühlt, hat Sebastian Kurz eine überraschende Wendung in der Hinterhand, die ihn entlastet und nicht unmittelbar widerlegbar ist. Mit einem Kniff wird aus dem geäußerten Vorhalt eine Halbwahrheit und aus seiner Konfrontation ein Anpatzen. Wenn sich Kurz‘ Einwurf irgendwann als „nicht richtig“ herausstellt, ist die erste Aufregung verflogen.

Als die deutsche Moderatorin Sandra Maischberger ihn daran erinnerte, dass „Tausende von Deutschen“ Covid-19 aus den engen Trinkhütten Ischgls bezogen hatten, stellte Kurz eine erstaunliche Theorie in den Talkshowraum: „Es gibt jetzt Studien, dass sich das Virus in Europa von München aus ausgebreitet haben soll. Ich weiß nicht, ob es stimmt“, sagte er. So eine Studie gibt es eher nicht. Auf Twitter hatte der Seattler Genetiker Trevor Bedford jene Vermutung geäußert. Wenige Kollegen stützen seine Hypothese.

Auf das PR-Fiasko im Kleinwalsertal angesprochen, machte Kurz mit einem Kunstgriff die anwesenden Journalisten verantwortlich. Eigentlich seien sie es gewesen, die Abstände nicht eingehalten hätten. Wenn es ihm zu hell wird, dreht er blitzschnell anderswo das Licht auf. Sebastian Kurz ist nie nur Bundeskanzler, er ist immer auch ein türkiser Direktvermarkter.

Ihr Lukas Matzinger

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